Spiel, Spaß und Spannung mit Davidstern und Hakenkreuz

Das Theater Konstanz führt am Geburtstag Adolf Hitlers „Mein Kampf“ von George Tabori auf. Gleichzeitig erweitert es die Inszenierung um eine Kostümparty, die der deutschen Erinnerungskultur wie auf den Leib geschneidert ist: Wer gratis rein will, muss ein Hakenkreuz tragen, wer zahlt, kann einen Davidstern anlegen.
 

Es gibt viele Wege, eine dunkle Vergangenheit zu bewältigen. Man kann sie sowohl nach Art von Erdogan leugnen als auch in putinesker Weise verklären. Oder aber man geht mit der Zeit und probiert stetig etwas Neues aus. So halten es die Deutschen, deren Verhältnis zur NS-Vergangenheit vergleichsweise abwechslungsreicher Natur ist. Erst haben sie von nichts gewusst, dann waren sie an nichts schuld. Zwischendurch wurde ein wenig geleugnet, verharmlost und aufgerechnet, bis es nur noch Opfer und keine Täter mehr gab. Heute wiederum bauen sie unter anderem Mahnmale, zu denen „man gerne geht“ und sind stolz darauf, „aus der Geschichte gelernt“ zu haben. Was genau, das behalten sie jedoch sicherheitshalber für sich. Während der Shoa-Überlebende Primo Levi nüchtern feststellte, dass „es geschehen ist“ und „folglich wieder geschehen kann“, sind sie Deutschen dahingehend weitaus pragmatischer unterwegs. Inzwischen handeln sie bevorzugt nach dem Motto: Es ist geschehen, also muss man auch etwas daraus machen.

Wie genau das dann in der Praxis funktioniert, lässt sich derzeit im beschaulichen Konstanz am Bodensee begutachten. Das dort ansässige Theater nämlich hat Großes vor: Am Geburtstag des Führers, dem kommenden 20. April, wirdMein Kampf von George Tabori unter der Regie des Kabarettisten Serdar Somuncu uraufgeführt. Der Termin ist freilich kein Zufall, aber noch lange nicht zu viel des Guten. Wenn man schon über eine so ereignisreiche Vergangenheit verfügt, sollte man der Außenwelt auch zeigen, was man hat. Darum dürfen ebenso die Zuschauer mitmachen, für die das Theater ein Schmankerl der besonderen Art parat hält: „Die Aufführung von „Mein Kampf“ beginnt schon mit dem Kartenkauf“, verheißt es in der Ankündigung. Und weiter:

„Sie können sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl erklären Sie sich bereit, im Theatersaal einen Davidstern zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung im Theaterfoyer.“

Angewandte Geschichtsvergessenheit trifft auf dicke Krokodiltränen

Wie genau der Davidstern aussehen wird – zum Hakenkreuz passend in Gelb oder eher neutral? – und ob man den Besitzern von Gratiskarten beim Anlegen der Hakenkreuz-Binde einen schönen Abend wünschen oder nicht doch eher „Heil Hitler!“ zurufen wird, ist dagegen noch nicht bekannt. Klar ist nur eines: Das interaktive Kostümfest zu Konstanz soll natürlich kein geschmackloser Marketing-Gag sein. Denn das prangern nicht nur die Freunde und Förderer des Theaters, sondern auch die örtliche Deutsch-Israelische Gesellschaft und der Verein für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an. „Es gibt eine dritte Option: Man kann auch keine Theaterkarte kaufen“, empfehlen die beiden Letztgenannten.

Kritik, die man im Theater „ernst nimmt“, ohne sie zu teilen. Dort herrscht vielmehr Erstaunen über die Vorverurteilung. Schließlich gehe es doch vielmehr um eine „längst überfällige Debatte“. Mehr noch: Tatsächlich verfolge man eine wichtige, geradezu pädagogische Mission: „Wir möchten ihnen [den Kritikern, A.d.R.] gerne nahelegen, diese Aktion als eine Auseinandersetzung und dringenden Hinweis darauf zu verstehen, wie korrumpierbar und verführbar auch heute Menschen für den Faschismus sind“, betont Dramaturg Daniel Grünauer im Angesicht der Kritik. Ein durchaus bedenkenswerter Einwand, der vor allem zeigt, wie verführbar die Menschen auch heute für angewandte Geschichtsvergessenheit sind. Benötigte man für den Faschismus früher noch mindestens einen Führer, beginnt er heutzutage am Bodensee offensichtlich schon dann, wenn Hakenkreuze gegen Gratiskarten getauscht werden.

Inzwischen hat das Theater jedoch seine „Eintrittsstruktur erweitert“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Zahlende Besucher dürfen wählen, ob sie sich „als Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ den Davidstern anheften lassen möchten oder nicht. Eine schöner Gedanke, der sogar noch schöner sein könnte, wenn er den Deutschen nur rund achtzig Jahre früher gekommen wäre. Das Hakenkreuz für Sparfüchse wiederum bleibt obligatorisch. Wer nicht ausgerechnet am Geburtstag des Führers den Nationalsozialismus nachspielen möchte, kann die Karten für diesen Tag auch umtauschen. Das geht sogar gebührenfrei und ohne Verkleidung.

Juden gibt’s nur in der Opferrolle

Damit lässt das Theater es vorerst bewenden. Schade eigentlich. Denn sowohl für Besucher als auch für Beobachter in der Ferne bleiben hinsichtlich der Rollenverteilung einige Fragen offen. Wenn sich die zahlende Kundschaft mit den verfolgten und ermordeten Juden solidarisiert, mit wem sollen sich dann die Gratis-Hakenkreuz-Träger solidarisch erklären? Mit den Nazis, die von Konstanz aus betrachtet in erster Linie nur „verführt und korrumpiert“ wurden (wie gemein!), aber wohl nie überzeugt waren? Und wenn das Hakenkreuz für Korrumpierbarkeit steht, wofür steht dann der Davidstern? Für Courage und Integrität? Sicher, Jude sein gefährdet auch heute noch (oder wieder) hie und da die Gesundheit. Wohl dem, der seinen Davidstern hinterher geschwind an der Garderobe abgeben kann. Aber diesen durchaus beklagenswerten Zustand muss man als Theatermacher ja nicht gleich zur Norm erheben.

Es sei denn, man macht es sich lieber in der Vergangenheit gemütlich, wo das Gegenstück zum Hakenkreuz der gelbe Judenstern ist und Juden folglich nur in der Opferrolle vorkommen, auf deren Rücken sich der eigene Moralkompass gleich viel müheloser vergolden lässt. Was wiederum die Frage aufwirft: Was sollen eigentlich Juden tun, die gerne „Mein Kampf“ in Konstanz sehen würden, aber keine Lust auf eine Mottoparty haben, deren Teilnehmer sich wahlweise ins Gewand ihrer verfolgten Vorfahren oder in das von deren Mördern werfen? Fragen über Fragen, von denen sich die tapferen Theatermacher aber freilich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen. Man wird ja wohl noch in Ruhe mahnen, Diskussionen anstoßen und Zeichen setzen dürfen.

Theater Konstanz: Wo Symbole des Völkermords wie Bonbons verteilt werden
  Daniel Ullrich, Threedots | CC-BY-SA 3.0

So schön können Erinnerungslücken sein!

Ohnehin beweist das Theater Konstanz in dieser Angelegenheit lediglich, wie nah es am Puls der Zeit operiert. Es ist erst einige Monate her, da das „Zentrum für politische Schönheit“ dem AfD-Politiker Björn Höcke in Reaktion auf dessen „Mahnmal der Schande“-Rede ein Mini-Holocaust-Mahnmal in den Vorgarten stellte und von ihm einen Kniefall verlangte. Kurz zuvor hielt die „Deutsche Bahn“ es wiederum für eine brillante Idee, einen ICE nach Anne Frank, die per Reichsbahn in den Tod geschickt wurde, zu benennen. Ebenfalls jüngeren Datums ist eine Studie der Uni Bielefeld und der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ über familiäre Erinnerung an die NS-Vergangenheit. Mehr als 50 Prozent der Befragten sind demnach der Ansicht, dass ihre Vorfahren zu den Opfern des Zweiten Weltkriegs zählen. Zwei Drittel gaben an, unter ihren Vorfahren befänden sich keinerlei Täter des Kriegs. Nur 18 Prozent bejahen die Frage nach der familiären Täterschaft. 2018 sind die Deutschen also endlich dort angekommen, wo sie immer hin wollten: auf dem Niveau eines Volkes voller unschuldiger Opfer.

Bei so viel Unbekümmertheit ist nur konsequent, wenn sich die Deutschen der NS-Vergangenheit im Allgemeinen, der Shoa im Besonderen so bedienen, als handele es sich um den Requisiten-Fundus der örtlichen Theatergruppe. Man greift sich das heraus, was gerade gefällt, ohne näher etwas damit zu tun zu haben. In Thüringen stellen Nachfahren der Täter einem anderen Täter-Nachfahren das Berliner Denkmal an sechs Millionen ermordete Juden vor die Tür, weil es sich gerade gut anfühlt. In Konstanz wiederum verteilen die Enkel der Nazis untereinander Davidsterne und Hakenkreuze, als ginge es um Bonbons oder Flyer. Losgelöst von der Vergangenheit und ihren konkreten Zusammenhängen lebt und „erinnert“ es sich eben leichter. Gänzlich unbefangen lässt sich dann sogar das gute alte Hakenkreuz locker wieder auftragen, ohne Magenschmerzen zu erzeugen. Man kann aber auch als Anne Frank gehen – jeder eben nach seinem Geschmack Und das Beste an alledem: Weder die Vergangenheit selbst, noch die toten Juden können sich darüber beschweren. Eine Win-Win-Situation auch für die Konstanzer Theatermacher, denen auf diese Weise das Kunststück gelingt, ein Theaterstück über Antisemitismus auf die Bühne zu bringen und gleichzeitig eben jenen Judenhass mithilfe der Kölner-Karneval-Methode zu bagatellisieren.

Derweil laufen die Vorbereitungen zur Uraufführung von „Mein Kampf“ auf Hochtouren. Gut gerüstet mit jeder Menge Hakenkreuzen und Davidsternen begrüßt man die Debatte, die, so das Theater in seiner Stellungnahme, „viel über den teils fragwürdigen Umgang unserer Gesellschaft mit der Vieldeutigkeit nationalsozialistischer Symbole und Zitate aussagt“. Ein Hakenkreuz muss also nicht zwangsläufig etwas Böses bedeuten. Es kann auch für das Gute am Bodensee stehen. So zumindest dürften es einige derer sehen, die schon ihre kostenlosen Hakenkreuz-Karten ergattert haben. Bereits fünfzig Gratis-Tickets gingen über den Tresen, teilt eine Sprecherin mit. Ein guter Anlass, in aller Unschuld einmal mehr den Anfängen zu wehren – oder auch: Theater Konstanz, bitte übernehmen Sie!

Zuerst bei den Salonkolumnisten erschienen.
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Das Putinuum Mobile

Während sich im Laufe des vergangenen Sonntags Millionen Russen an die „Wahl“urnen begaben, um sich dort zwischen Vladimir Putin und einer Hand voll Kostüm-Kontrahenten zu entscheiden, war auch in Deutschland einiges an Wahlkampf geboten. Ein AfD-Abgeordneter des Berliner Abgeordnetenhauses namens Hugh Bronson witterte amerikanische Umtriebe zwischen Moskau und Vladivostok. Seiner Ansicht nach dienten die jüngsten US-Sanktionen gegen Russland vermutlich dazu, die „Präsidentschaftswahlen zu Putins Nachteil zu beeinflussen und sich somit ein ungeliebtes Staatsoberhaupt vom Halse zu schaffen“. Derweil stellte der Büroleiter Jörg Meuthens die Frage, wo denn der Unterschied zwischen Russland und Deutschland sei, da hie wie dort das Ergebnis ja schon vorher feststünde.


Angesichts dieser intellektuellen Höchstleistungen musste FDP-Vize Wolfgang Kubicki also deutlich aufs Gas treten, um den Putin-Freunden von der AfD das Wasser zu reichen. Dem Deutschlandfunk gegenüber forderte er in gewohnter Manier eine Lockerung der Sanktionen. Die Bundesregierung solle Bereitschaft zeigen, „auf Russland zuzugehen“, so der Eintreter der sperrangelweit offenen Tore. Sonst drohe ein Kalter Krieg. Dass der schon längst im Gange ist, hat Kubicki offenbar noch nicht mitbekommen. Darüber hinaus kritisierte er die „voreilige Beschuldigung“ Russlands hinsichtlich des Giftgasangriffs auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter im britischen Salisbury. Bei der Gelegenheit enthüllte Kubicki zudem, dass das Giftgas vielmehr in einem Labor in Usbekistan erzeugt worden sei, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von den USA aufgelöst wurde. Die Amis waren‘s also, zumindest gefühlt.

Eine These, die Sigmar Gabriel zwar (noch) nicht teilt. Was aber den Umgang mit dem russischen Giftgasangriff angeht, trennt den Außenminister a.D. wenig von Wolfgang Kubicki. Auch er echauffierte sich eine Woche zuvor über die gemeine Verdächtigung der Bundesregierung und würde lieber eine UN-Organisation mit der Prüfung beauftragen. Wie man spätestens nach den Giftgas-Angriffen Assads in Syrien weiß, haben die Vereinten Nationen, ihr Sicherheitsrat im Besonderen, in solchen Angelegenheiten schließlich extra schwere Geschütze aufzufahren.

Putin und seine Freunde: Propaganda gegen Posten

Einige Tage zuvor offenbarte eine repräsentative Umfrage der WELT, dass sich die Mehrheit der Deutschen eine Annäherung an Russland wünscht. 58 Prozent der Befragten sind für ein besseres Verhältnis zu Moskau, nur 26 Prozent für mehr Distanz. 14 Prozent wiederum sind mit der deutsch-russischen Freundschaft in ihrer aktuellen Form zufrieden. Ein schöner Erfolg für Vladimir Putin und dessen Netzwerk aus Desinformationskriegern, nützlichen Idioten, bezahlten Propagandisten, Lobbyisten, Trollen und Bots, deren Bemühungen zumindest an dieser Front von Erfolg gekrönt sind. Die einen trommeln klar für Russland, die anderen wenigstens pauschal gegen alles, was Putin gefährlich werden könnte. Wieder andere kippen einfach nur Öl ins hausgemachte Feuer und kümmern sich mit konzertierten Vernebelungs-Aktionen darum, dass am Ende niemand mehr weiß, was wahr ist und was nicht und wo der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie liegt. Zusammen stellen sie sicher, dass eine Putin-kritische Politik keine Mehrheit bekommen kann – weder parlamentarisch, noch in Umfragen.

Infolge dessen kann Putin weiterhin das tun, was er eben so tut: Nachbarn überfallen, in Syrien mit Fassbomben um sich werfen, amerikanische Wahlkämpfe beeinflussen und lästige Exilanten auf offener Straße mitten in England vergiften. Während die Deutschen sich weniger um Außenpolitik und mehr um innere Angelegenheiten scheren, ist es in Russland genau umgekehrt. Nachdem Putin innenpolitisch und wirtschaftlich keine sonderlichen Erfolge vorzuweisen hat, konzentriert er sich auf die Pflege der postsowjetischen Seele, indem er sich in revanchistischen, imperialistischen Abenteuern übt, die Russland zurück zu „alter Größe“ führen sollen. Da ist es freilich hilfreich, wenn man im Westen auf diejenigen zählen kann, die gegen die Sanktionen mobil machen, sich für Nordstream II in die Bresche werfen, die antiwestlichen Ränder stärken, jegliche Entscheidungsfindung verunmöglichen und an der Atlantikbrücke sägen. Im Gegenzug erhalten sie Kredite, Posten bei Gazprom oder RT, propaganda-taugliche Reisen nach Syrien oder auf die Krim, glänzende Freundschaftsmedaillen und Verträge sowie ideologische Schützenhilfe zur Realisierung ihrer Systemwechsel-Phantasien, die mit denen Putins deckungsgleich sind. Auch sie sind es, die die Politik des Kreml-Chefs mitermöglichen, ihm seine Macht und seinen Oligarchen ein angenehmes Dasein garantieren. So wie in der EU niemand etwas gegen das Morden in Syrien unternehmen will, dachte in London jahrelang kein Mensch ernsthaft daran, der sich dort wohlfühlenden russischen Schwarzgeld-Prominenz den Riegel vorzuschieben. Und auch der amerikanische Präsident ist derzeit eher nicht in der Stimmung, Vorsorge dafür zu treffen, dass sich die russische Einmischung in den Wahlkampf nicht wiederholt. „Warum sollte Putin sowas tun?“, wird oft ganz unschuldig gefragt, jüngst in Sachen Skripal beispielsweise. Putins Antwort darauf wäre: Warum nicht?

Habemus Putin!

Und so wurde gestern unter wehenden Fahnen und lautstarken „Rossija!“-Rufen in Moskau der völlig überraschende Wahlsieg des neuen alten Kremlchefs zelebriert. Aber keineswegs nur dort. Schon vor einem Monat mahnte ein Berliner Historiker zu mehr Demut, vielmehr „sollten wir dankbar sein, dass Putin an der Macht ist“. Umgehend nach Bekanntgabe des ersten Wahl-Ergebnisses wiederum meldeten sich Alexander Gauland und Jörg Meuthen zu Wort und gratulierten ihrem dem russischen Staatspräsidenten zu seiner Wiederwahl. „Wir wünschen ihm viel Erfolg und politische Umsicht für seine nächste Amtsperiode“, hieß es an dieser Stelle. Und ja, mehr „Umsicht“ bei Giftgasangriffen und gewaltsamen Grenzverschiebungen wäre tatsächlich eine feine Sache. Bei der Wahl seiner Partner und Freunde hat Putin dagegen schon genug Umsicht bewiesen, was man auch an Glückwunsch-Telegrammen wie diesen gut erkennen kann. Gute Freunde kann eben niemand trennen.

Zuerst am 19. März 2018 bei den Salonkolumnisten erschienen.
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Zweierlei Säbelrasseln

Vladimir Putins alljährliche Rede an die Nation ist schon ein paar Stunden alt, und im Auswärtigen Amt tüfteln findige Diplomaten immer noch an einer passenden Reaktion. Der Kreml-Chef sprach von Interkontinentalraketen, atombetriebenen Marschflugkörpern, Waffen, die mit herkömmlichen Mitteln nicht abzufangen seien - da braucht es Fingerspitzengefühl, um die zarten Gemüter in Moskau nicht unnötig zu irritieren. Der erste Entwurf eines Praktikanten - "Sigmar Gabriel zeigte sich ob des Aufrüstungsprogramms der russischen Regierung zutiefst besorgt. 'Es ist nicht zielführend, die Lage durch Säbelrasseln und Kriegsgeheul weiter anzuheizen', so der geschäftsführende Außenminister. Er warnte vor einem atomaren Wettrüsten und rief den Kreml zur Besonnenheit auf." - landete umgehend in Ablage P. Ein solches Wording ist schließlich exklusiv für die Amerikaner und die Nato reserviert.

Nebenan im Wirtschaftsministerium ist man dagegen schon weiter. Nachdem bekannt wurde, dass mutmaßlich russische Hacker das Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden wohl über mehrere Monate hinweg infiltriert haben, meldete sich umgehend Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries zu Wort. „Wenn es irgendwas mit der [russischen] Regierung zu tun hätte, dann würde es natürlich Probleme nach sich ziehen“, gab die Sozialdemokratin zu bedenken. Im Zweifel für den Angeklagten! Wer Hacker in den Bundestag, in den US-Wahlkampf, in die Ukraine und ins Baltikum entsendet, muss schließlich noch lange nicht vor den Haustüren von Frau Zypries und Herrn Gabriel tätig geworden sein. Gut möglich, dass es auch patriotisch veranlagte Hacker in Elternzeit waren, die dieses Jahr keinen Urlaub auf der Krim machen wollten. Dagegen kann Putin dann eben nichts machen.

Wobei die Wirtschaftsministerin freilich recht hat. Es zöge in der Tat "Probleme nach sich", wenn die Cyberangriffe einen Kreml-Hintergrund hätten. Vor allem für Frau Zypries selbst. Denn im Lichte dessen würden ihre Warnungen in Richtung USA, denen sie angesichts der Verschärfung der Russland-Sanktionen "völkerrechtswidriges Verhalten" vorwarf, doch etwas suboptimal erscheinen. Schon ein wenig peinlich, wenn man sich erst für den Kreml ins Zeug legt und der es einem dann mit Hackereien dankt.

Insofern bietet es sich an, skeptisch zu bleiben und abzuwarten. Dem Vernehmen nach sollen die Hacker auch einige Zeit im Netzwerk des Auswärtigen Amts verbracht haben. Und das wiederum spricht eher gegen eine russische Beteiligung. Denn warum sollte man als Hacker seine Zeit mit Sigmar Gabriels Emails verplempern, wenn man sich doch ohnehin auf Gas-Gerd Schröder verlassen kann?
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Abschieben für Deutschland

Es ist gefühlt eine halbe Ewigkeit her, als AfD-Chef Alexander Gauland vorschlug, die damalige Staatsministerin Aydan Özoguz "in Anatolien zu entsorgen". Wesentlich jüngeren Datums ist die an "Kümmelhändler und Kameltreiber" gerichtete Aufforderung André Poggenburgs, sich "dorthin zu scheren", wo sie seiner Ansicht nach hingehören - nämlich "weit, weit, weit, hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern". Das gefiel dem Aschermittwochs-Publikum, das beim Stichwort "Cem Özdemir" wiederum wie auf Kommando "ABSCHIEBEN!!!" zurückgröhlte. Und nun meldet sich Alice Weidel zu Wort, um Deniz Yücel nicht nur sein Journalist-, sondern auch sein Deutsch-Sein abzusprechen. Wer Deutscher ist und wer nicht, und wo er oder sie sich dementsprechend hinzubegeben hat, ist innerhalb der AfD zweifellos eine Frage von außerordentlicher Relevanz. Nur die Antworten darauf changieren noch ein wenig. Ein Pass allein, also geltendes Recht, macht jedenfalls noch keinen Deutschen. Soviel steht fest. Was gibt aber dann den Ausschlag? Die Hautfarbe, die aus alternativer Sicht ja auch bei Boateng und Noah Becker eine Rolle spielt? Der Geburtsort der Großeltern? Die Gesinnung? Eine Mischung aus alledem? Poggenburg macht daraus zum Glück keinen Hehl. Er führt einen deutsch-türkischen Verband, dessen Statement ihm nicht passt, ins Feld, nur um anschließend allen hier lebenden Deutschen mit türkischen Wurzeln kollektives Koffer-Packen zu empfehlen. Wobei der Verband sowieso nur ein Vorwand ist, den Poggenburg und die seinen gar nicht brauchen, um zu ihrer „Ihr gehört hier nicht her!“-Überzeugung zu gelangen. Es klingt nur besser, wenn man es dann anschließend mal wieder nicht „so gemeint“ haben will.

Gauland und Weidel berufen sich dagegen auf ihre ungeschriebene Entscheidungsbefugnis qua Biodeutsch-Sein: Wer eine "falsche Herkunft" und noch dazu eine falsche Gesinnung hat, gehört nicht dazu. Und wer nun die passenden Wurzeln und Meinungen hat, entscheiden Gauland und Weidel. Einen Yücel allein kann man gerade noch so hinnehmen. Aber wehe, er wird übermütig und macht Witze, die der AfD nicht gefallen. Dann ist Schluss mit lustig - genauso wie bei Frau Özoguz, die ihr Recht auf nicht-AfD-konforme Äußerungen allein aufgrund der Tatsache verwirkt hat, dass ihre Eltern nicht hier geboren wurden. Während Gauland und Weidel vorerst "nur" ein Deutsch-Sein unter Vorbehalt und mit 2.Klasse-Ticket propagieren, ist Poggenburg schon einen Schritt weiter und möchte präventiv gegen die durch "aufmüpfige Ausländer" drohende Gefahr vorgehen. Schließlich lauert in jedem Türken (also dem, den man dafür hält) wahlweise ein kleiner Yücel, ein IS-Kämpfer oder mindestens ein "vaterlandsloser Geselle".

Nun gibt es durchaus gute Gründe, Frau Özoguz auf Grundlage ihres bisherigen Schaffens für eine Fehlbesetzung zu halten. Man kann ebenso Yücels Sarrazin-Kolumne für geschmacklos und bestimmte Verlautbarungen mancher Migranten- und Islam-Funktionäre für fragwürdig halten. Bloß ist es ja ohnehin nicht der inhaltliche Streit unter Individuen, den die AfD sich auf die Fahnen schreibt. In Özoguz wie in Yücel sieht man nicht die Politikerin oder den Journalisten, sondern in allererster Linie den „Ausländer“. Es ist dementsprechend das große Ganze, das der AfD am Herzen liegt: das Deutsch-Sein an sich und die exklusive Mitgliedschaft in diesem Nobel-Volk, als dessen strenger Türsteher man sich versteht. Um dieses Deutsch-Sein zu definieren, bedient man sich als "Partei des Rechtsstaats" dann mit Vorliebe bei Erdogan und mischt noch eine großzügige Portion Abstammungs-"Lehre" mit rein.


Das passiv-aggressive Grundrauschen, das inzwischen entstanden ist, sorgt am Ende für eine besonders pikante Note: groß im "Entsorgen", genauso groß aber auch im kollektiven Mimimi, und daher doppelt so groß in jammer-deutschen Gewaltfantasien, die derzeit die Kommentarspalten zum Thema Yücel, diesem „Feind des Volkes“, einnehmen. Was wiederum die Frage aufwirft, wie weit es mit den "deutschen Patrioten" her ist, wenn sie nicht einmal einen Deniz Yücel aushalten können. Aber Diskrepanzen dieser Art müssen weder den Experten für Kümmelhandel noch den für angewandte Entsorgung sonderlich tangieren. Man wehrt sich schließlich nur gegen all die Demütigungen, die man als Deutscher gemeinhin zu erleiden hat. Ganz wie immer also.
 
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Dresden: Festspiele des Selbstmitleids

Alle Jahre wieder richtet Dresden zum Jahrestag der alliierten Luftangriffe beachtliche Gedenkevents aus. Auf Selbstmitleid und Entkonkretisierung der Geschichte folgt nun ein Vorschlag aus der AfD, der den 13. Februar zum Feiertag befördern soll. Björn Höcke gefällt das.

 
 
Der Dresdner an sich fällt nicht nur durch sein fideles Wesen auf. Was ihn zugleich von allen anderen west- und ostdeutschen Großstädtern unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit, mit der er die Rolle seines Lebens spielt: die des Opas, der vom Krieg erzählt. Jahr für Jahr richtet Dresden anlässlich der Bombardierung der Stadt am 13. Februar 1945 ein beachtliches Gedenkevent aus. Traditionen muss man schließlich pflegen. Das wusste schon die SED-Führung, die den Jahrestag der verheerenden Angriffe durch „anglo-amerikanische Luftgangster“ zu einem antiimperialistischen Propaganda-Spektakel beförderte. Erfunden hat die DDR derlei Folklore indes jedoch nicht. Zu verdanken ist sie vielmehr NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, der sich schon in den Trümmern der zerstörten Stadt daran machte, der Katastrophe einen „Volksgemeinschaft“-tauglichen Spin zu verpassen.

Natürlich, das alliierte Kalkül vom „moral bombing“, das in Dresden 25.000 Tote forderte, ging ohnehin nicht auf. Die Deutschen folgten ihrer Führung unbeirrt, schickten bis zum Schluss Juden in den Tod und wussten ohnehin genau, wo das Böse lauert – nicht in der Wolfsschanze, sondern im Westen. Dennoch ließ Goebbels nichts anbrennen und hängte der damals bekannten Zahl der Toten noch schnell eine Null an. Bestattungslisten sprachen von 20.204 Toten, die Propaganda von 202.040. Fertig war der Mythos, der in der DDR weiter gedieh und auch die Wende, Historikerkommissionen und seriöse Forschung unbeschadet überlebte. Wer heute einen Dresdner beleidigen möchte, erzielt mitunter eine durchaus ordentliche Trefferquote, wenn er von 25.000 Todesopfern spricht.

Geschichte ist das, was man für sich selbst daraus macht

Die Dresdner verfügen über eine einzigartige Begabung, sobald es darum geht, sich selbst zum unschuldigen Opfer der Geschichte zu befördern. Einer Geschichte, die laut sächsischer Überlieferung natürlich erst in diesem Februar 1945 losging – also zu dem Zeitpunkt, als auch die Dresdner selbst den bis dahin schon sechs Jahre andauernden Krieg zu spüren bekamen. Von da an mauserten sich die Elbflorenz-Bewohner zu Experten für angewandte Kritik einer auf die Zivilbevölkerung ausgerichteten Kriegsstrategie. Als die deutsche Luftwaffe ihre Bomben etwa über Warschau und Coventry abwarf, waren die Dresdner dahingehend bedauerlicherweise noch nicht so weit. Einige von ihnen sind es bis heute nicht. Insofern ist es nur konsequent, dass daneben auch der deutsche Vernichtungsfeldzug im Osten sowie die Gaskammern ihren Platz im örtlichen Geschichtsbuch räumen müssen. An ihre Stelle tritt die vom Bombenkrieg betroffene Oma, die exklusiv und ausschließlich als Bombenopfer betrachtet wird. Dass Oma nicht nur Opfer der britischen Luftangriffe, sondern womöglich auch eine glühende Nationalsozialistin war; dass beides eventuell sogar in Zusammenhang zueinander steht – wenngleich die Bomben keinen Unterschied zwischen Tätern, Mitläufern, Unschuldigen und Verfolgten machten –, gilt von Dresden aus betrachtet nicht selten als pure Ketzerei. An der Elbe hat man es lieber bekömmlich. Geschichte ist nicht das, was war, sondern das, was man für sich selbst daraus macht.

Über Jahrzehnte hinweg bildete der 13. Februar in Dresden den Höhepunkt der Festspiele des Selbstmitleids. Heute ist das weitestgehend noch immer so, nur etwas eleganter verpackt. Neonazis, die einen „Bombenholocaust“ beklagen, treffen auf Antifa-Aktivisten. Daneben entsteht eine Lichterkette für all jene, die an diesem identitätsstiftendem Tag nicht direkt in die Rauferei einsteigen wollen, allerdings auch nicht dazu imstande sind, einfach daheim zu bleiben und den Toten ihre Ruhe zu lassen. Die Stadt Dresden unterhält eine eigens dem 13. Februar gewidmete Website mit einem reichlich gefüllten Terminkalender, der für jeden etwas bietet: vom Spaziergang auf dem „Dresdner Gedenkweg“ über einen „International Peace Slam“ („internationale Gastwissenschaftler berichten (…) über ihre Friedenserfahrungen“) bis hin zum Gedenken in, vor oder unter der Frauenkirche bis spät in die Nacht. Wer es eilig hat, kann im Rahmen des „dezentralen Gedenkens“ auch schnell und unverbindlich einen von acht Gedenkorten aufsuchen.

Überall Opfer, nirgendwo Täter

Über alledem schwebt das offizielle Gedenk-Motto der Stadt: „Aus Anlass der Bombardierung unserer Stadt im Februar 1945 erinnern wir an die Opfer von Nationalsozialismus und Krieg, Hass und Zerstörung.“ Ein beachtliches Unterfangen, das allerdings auch ein paar Komplikationen in sich birgt. Immerhin freuten sich nicht wenige Opfer der Nazis  über die im gleichen Atemzug erwähnte Zerstörung durch die Alliierten, die eben auch ein Ende des Grauens versprach. Die Luftangriffe und das folgende Chaos waren es, die den Dresdner Juden und deren Angehörigen, die schon auf der Deportationsliste standen, das Leben retteten. Aber über derlei Feinheiten muss man sich an der Elbe keine Gedanken machen. Verfolgte hin, Verfolger her, am Ende waren wohl alle „Opfer von Nationalsozialismus“ – was ein wenig so klingt, als gäbe es mehrere Nationalsozialismen, wodurch das Original nicht ganz so auffällt.

Möglicherweise ist die Erwähnung der Opfer des Nationalsozialismus aber auch nur eine Pflichtübung, die sich weniger an die Dresdner, sondern vielmehr an Nicht-Dresdner richtet, denen das ritualisierte Selbstmitleid sonst nur schwer zu vermitteln wäre. Wie könnte man schließlich etwa einem Hamburger, dessen Stadt durch alliierte Bombenangriffe 34.000 Tote verzeichnete, das alljährliche Spektakel verständlich machen? Wie will man erklären, dass die einen ihr Erbe akzeptieren können, man selbst aber nicht darüber hinwegkommt? Betrauert man rund um die Elbe überhaupt noch wirklich die Opfer, oder instrumentalisiert man sie nicht vielmehr?

Ein Feiertag zur kollektiven Entspannung

Die Rede von „Hass und Krieg“ wiederum mutiert derweil zu wohltuender Gymnastik, dank der sich alle noch vorhandenen Verspannungen lösen und die konkreten Zusammenhänge wie von selbst verschwinden. „Nie wieder!“ klingt gut, „Nie wieder Krieg!“ noch viel besser. Ob damit der Krieg der Nazis oder der der Alliierten, der Feldzug im Namen der Vernichtung oder der Krieg gegen das Böse gemeint ist, muss man als Dresdner gar nicht erst konkretisieren. Jeder kann sich selbst aussuchen, wo er die Täter, wo die Opfer verortet. All das ist bequem und korrespondiert bestens mit der DNA der Veranstaltung, die sich hauptsächlich aus Selbstmitleid zusammensetzt. Ausschlaggebend ist daher auch nicht, ob die Stadt in diesen Tagen Stolpersteine, Friedenswissenschaftler oder Gottesdienste aufs Programm setzt, sondern die Tatsache, dass sie diesen Tag überhaupt zum Spektakel befördert.

Für manch einen ist all das aber noch lange nicht genug. Erst vor kurzem drang aus der sächsischen AfD der Vorschlag hervor, den 13. Februar „als Gedenktag zu einem staatlichen Feiertag“ zu befördern. Eine interessante Idee, die der laut Björn Höcke dringend benötigten „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ sehr nahe kommt. Nicht nur, dass damit den berufstätigen Dresdnern, die es bloß zum „dezentralen Gedenken“ in der Mittagspause schaffen, ein großer Gefallen getan wäre. Es würde auch die Verkrampfungen derjenigen lindern, die sich schon seit Jahrzehnten durch ihre Aufrechnungs-Künste hervortun und die Opferzahlen in schwindelerregende Höhen schrauben – auf dass die eigene Weste etwas weniger düster erscheint. Offenkundig sind ihnen 25.000 Opfer nicht genug. Wer aber einen gesetzlichen Feiertag hat, hat recht. Diskutieren muss er dann nicht mehr. Der 9. November und der 27. Januar sind bundesweit nur Gedenk-, keine Feiertage. Der 13. Februar als Feiertag würde daneben in hellem Glanze erstrahlen und die Herzen jener erwärmen, in deren Welt vor allem die Deutschen die Opfer der Geschichte waren.

AfD-ler, schaut nach Polen!

Vielleicht sollte man in und rund um die AfD aber auch nach Polen blicken, wo man dahingehend schon weiter ist. Dort möchte die Regierung derlei Angelegenheiten nun per Gesetz klären, womit jegliche Thematisierung der Nazi-Kollaboration von Polen während der deutschen Besatzung unterbunden werden soll. Offiziell argumentiert man in Warschau mit der in der Tat falschen Bezeichnung „polnisches Todeslager“ und dem „guten Ruf Polens“. Zahlreiche Regierungen, allen voran die israelische, sind davon jedoch weniger angetan. Auf die Kritik Netanyahus hin entlud sich im Netz ein antisemitischer Shitstorm, der sich vor allem gegen die israelische Botschaft in Polen richtete. Mittlerweile, so berichtet die Botschafterin, verbreiten auch polnische Medien derlei Äußerungen. Ein Berater der PiS-Regierung attestierte den Israelis prompt Gefühle der „Scham“ aufgrund der „Passivität“ der Juden während des Holocausts. Will heißen: Selbst schuld, wenn man sich zur Schlachtbank führen lässt. Eine kreative Auslegung, die auch insoweit beachtlich ist, als die polnisch-israelischen Beziehungen bislang nicht die schlechtesten waren. Offenkundig ist selbst ein Land, das tatsächlich in besonderem Maße unter Nazis und Sowjets zu leiden hatte, nicht vor den Reizen der alles umfassenden Opferrolle gefeit.

In Dresden hingegen dürften Klitterversuche dieser Machart auf Sympathie stoßen. Der Trend geht zur Zweit-Geschichte. Warum nicht auch in Sachsen dem potentiellen Feiertag ein Gesetz zur Seite stellen? Wer die ausschließliche Opferrolle der Dresdner leugnet, wird mit Bewährung und verbindlicher Teilnahme bei Pegida nicht unter 12 Monaten bestraft. Klingt verrückt? Gewissermaßen. Aber Arthur Harris selbst hätte sicherlich auch jeden für verrückt erklärt, der ihm 1945 eine identitätsstiftende Rolle im Seelenhaushalt Dresdens vorausgesagt hätte.

Zuerst bei den "Salonkolumnisten" erschienen.
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Wenn der Nahost-Korrespondent zweimal wegsieht

Nachdem der Iran in den letzten Jahren seinen Einfluss in der Region erfolgreich ausgeweitet hat, ist er am vergangenen Samstag dort angekommen, wo er von Anfang an hinwollte: in der direkten Konfrontation mit der israelischen Armee an der syrisch-israelischen Grenze. Eine iranische Drohne drang in den israelischen Luftraum ein, wurde jedoch rasch von der israelischen Luftwaffe abgeschossen. Die wiederum flog daraufhin Angriffe auf iranische Stellungen in Syrien, wobei eine F-16 der Israelis ins Feuer der syrischen Luftabwehr geriet und abstürzte. Die Piloten - einer leicht verletzt, einer schwer - konnten sich per Schleudersitz auf israelischen Boden retten.

Soweit der Stand der unheimlichen Dinge, auf den nun die gut eingeübten Wortmeldungen folgten. Immerhin, das amerikanische Außenministerium verurteilt die iranische Aggression, während Vladimir Putin, der Heiland im "Kampf gegen den Terror" und bester Freund Assads und der Mullahs, Netanyahu dazu auffordert, jegliche "Eskalation" in Syrien zu unterbinden und die Souveränität Syriens zu achten. Im Eskalationsgewerbe kennt er sich schließlich aus. Der Chef der UN fordert ebenfalls mehr Deeskalation und verabschiedet sich danach wieder ins wohlverdiente Wochenende. In Gaza und im libanesischen Hisbollah-County wird gefeiert, in den Straßen von Damaskus verteilt man zur Feier des Tages Süßigkeiten. In Europa herrscht derweil das übliche Schweigen. Auch in Deutschland fällt niemandem etwas ein, was in Anbetracht der vorangegangen Wortmeldungen in Sachen Iran - etwa Sigmar Gabriels Rat an die iranischen Demonstranten, es nicht zu übertreiben - schon eine positive Entwicklung ist. Keinen wirklichen Außenminister zu haben ist eben auch nicht das Schlechteste. Einzig Frank-Walter Steinmeier meldet sich zu Wort. Und zwar mit einem Glückwunsch-Telegramm in Richtung Teheran anlässlich des 39-jährigen Jubiläums der Islamischen Revolution, das am Sonntag feierlich von denen begangen wurde, die zeitgleich Frauen ohne Kopftuch in Folterknäste sperren. Man muss eben Prioritäten setzen, gerade auch als Deutscher.


Was den europäischen Diplomaten an Worten fehlt, bügelt nun allerdings das öffentlich-rechtliche Fernsehen mühelos wieder aus. Der ARD-Israel-Korrespondent verrät beispielsweise in der Tagesschau, die israelische Regierung würde sich vom "Iran bedroht fühlen". Also ungefähr so, wie sich manche Menschen von Spinnen "bedroht fühlen". Gefühle sind bekanntermaßen eine recht subjektive Angelegenheit. Gut möglich, dass die Israelis einfach gerade diverse Schwankungen ihres Gefühlshaushalts durchleben und sich die iranische Militärpräsenz vor der Haustür sowie die jahrelangen Vernichtungsdrohungen der Mullahs nur einbilden. Die ARD hält sich da lieber bedeckt. Trotz des offensichtlichen Drohnenmanövers aus iranischer Hand und trotz etlicher Zeugnisse der iranischen Militärpräsenz in Syrien zitiert man lieber beide Seiten: die "Behauptungen" Netanyahus, die Dementis der Iraner. Am Ende kann der Zuschauer dann auswürfeln, ob das iranische Regime nun in Syrien präsent ist oder nicht. Dass Israel sich nicht nur bedroht fühlt, sondern auch bedroht ist, muss man ja nicht gleich verraten. Wäre schließlich schade um das beliebte Narrativ vom stetig aggressiv gestimmten Israel.

Nicht minder aufschlussreich geht es auch beim "heute journal" zu. Ob Netanyahu denn jetzt wirklich "sein Land hinter sich" hätte, nachdem er auf "einen Drohnenflug mit zwölf Bombenangriffen reagiert hat", möchte Claus Kleber von Nicola Albrecht in Tel Aviv wissen. Die bejaht, mit ernster Miene, hat sie doch bedauerlicherweise keinen Israeli finden können, der mit der Bedrohung der eigenen Existenz auch gut leben könnte. Ohnehin ist der Fall für sie klar: "Beide Seiten spielen mit dem Feuer", erklärt die ZDF-Korrespondentin dem deutschen Publikum, so als ginge es um eine Auseinandersetzung im Sandkasten, bei der es nur selten Unschuldige gibt. Dass beide Seiten "rote Linien" austesten, will sie ebenso herausgefunden haben. Wo ihre persönliche rote Linie verläuft, bei Raketenalarm in Tiberias oder erst dann, wenn der "red alert" in ihrem eigenen Büro in Tel Aviv ertönt, lässt sie indes offen. Ohnehin beunruhigt sie vielmehr, dass Netanyahu "diesen Vorfall nutzen wird, um sein außenpolitisches Mantra, nämlich dass Iran der eigentliche Aggressor hier in der Region ist, der Böse, noch einmal auf der internationalen Plattform intensivieren wird". Und das, so der unausgesprochene Gedanke, wäre dann wirklich der Ernstfall. Da wüssten selbst erfahrene Nahost-Korrespondenten nicht mehr weiter. Ein drohender Krieg zwischen dem Iran und Israel auf dem Golan und im Libanon, Raketen, Tote, nukleare Ambitionen der Mullahs, die über alledem schweben - nicht schön, aber auch nicht sonderlich erwähnenswert, und erst recht nicht so schlimm wie die Vorstellung, dass ein israelischer Regierungschef etwas gegen den Iran sagen könnte. Nutzt er ja eh nur für seine politischen Zwecke, dieser Schlingel.

Vielleicht muss man die Israel-Korrespondenten von ARD und ZDF aber auch einfach beneiden; um ihre Fähigkeit, selbst in Zeiten der Krise einen klaren Kopf zu bewahren und allen Widerständen zum Trotz der eigenen Linie treu zu bleiben: im Zweifel gegen Israel.

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27. Januar: Einmal Gedenken mit Israelkritik, aber bitte ohne Juden!

Gerne rühmt sich das offizielle Deutschland seiner Vergangenheitsbewältigung. Gleich nebenan treffen jedoch immer häufiger Israelkritiker und Freunde des Schlussstrichs aufeinander, die den Juden Auschwitz gleichermaßen schwer verzeihen können. Über Schuldabwehrspieler, professionelle Banalität und deutsche Entlastungsrituale.  
 

Der 27. Januar ist ein guter Tag, um den Deutschen einmal zu gratulieren. Denn aus ihrer Geschichte haben sie nicht nur vieles gelernt. Tatsächlich lernen sie sogar von Tag zu Tag auch noch etwa dazu. Erst am vergangenen Montag bot sich hierzu erneut eine Gelegenheit. Zur besten Sendezeit, ab etwa 23 Uhr, konnte das historisch interessierte Publikum sich gleich an zwei Dokumentationen erfreuen, die die „deutsch-jüdische Symbiose“ tangieren. Der Film „Hitlers letzte Mordgehilfen?“ gewährte Einblicke in die Arbeit der Staatsanwälte, die sich auf die Spuren der noch wenigen lebenden KZ-Wächter begeben. Kümmerte sich die deutsche Justiz über sechzig Jahre ausschließlich um die Mörder, verfolgt sie seit kurzem auch die Beihilfe zum Massenmord. So zeigt die Dokumentation vorrangig Ermittler, die auf dem Gelände des ehemaligen KZs Stutthoff nicht mehr bestehende Wachtürme rekonstruieren und der Frage nachgehen, ob man von dort aus den ein oder anderen Mord hätte wahrnehmen können – andernfalls wird es mit der Anklage schwieriger. Nicht auszuschließen, dass jemand ein KZ bewachte, ohne dabei jemals etwas Mörderisches gesehen oder auch nur gehört zu haben. Im Zweifel für den Angeklagten. Ein deutlicher Hinweis für die Existenz des „Schuldkults“, von dem nicht nur AfD-Spitzen wie Alice Weidel zu berichten wissen.

So wirklich zur Sache ging es aber erst eine Dreiviertelstunde später. Unter dem Motto „Der Mossad, die Nazis und die Raketen“  behandelte die nun folgende Doku das gegen Israel gerichtete Raketenprogramm Gamal Abdel Nassers, an dem sich in den 60er-Jahren auch deutsche Ingenieure mit NS-Hintergrund beteiligten. Der Zuschauer erfährt von Mossad-Chef Isser Harel, dem damals „fast jedes Mittel recht“ war, um das ägyptische Treiben zu stoppen – und davon, wie ihm dabei auch deutsche Raketen-Experten durch eine Briefbombe und ein Entführungskommando zum Opfer fielen. Israelische Täter, deutsche Leidtragende: Die Raketen-Affäre ist eine Offenbarung für alle, die schon immer um die Skrupellosigkeit der Zionisten wussten. Umso mehr, da die ägyptischen Raketen damals noch nicht lenkfähig, also „keine Bedrohung“ für Israel waren, wie die Stimme aus dem Off im Chor mit weiteren Zeitzeugen latent triumphierend erklärt. Am Ende des Abends steht es 1:1 zwischen Deutschen und Juden. Zumindest gefühlt.

Nun ist es durchaus vorstellbar, dass bei den Programm-Verantwortlichen im Ersten lediglich Kommissar Zufall am Werk war. Denkbar wäre aber auch, dass seelenhygienische Erwägungen zumindest unterbewusst eine Rolle spielten. Erinnern und Entlastung, Stolpersteine und Israelkritik, Gedenken und gute Ratschläge an die israelische Regierung – es ist exakt dieser Rhythmus, in dem sich die Vergangenheit schon seit einiger Zeit besonders entspannt bewältigen lässt. Die Gründung des Staates Israel war nicht nur ein Glücksfall für die Juden, sondern auch für die Deutschen, die seither penibel Strichlisten über die Vergehen der Juden zwischen Mittelmeer und Jordan führen. Wenn nun sogar die Israelis in Gaza ein „Ghetto“ betreiben, wiegt der Dienst der Großväter zwischen Warschau und Auschwitz gleich viel weniger schwer.

Erinnern und bewältigen? Fein, aber bitte nicht übertreiben!

Inzwischen sind 22 Jahre vergangen, seit der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus ernannte. Seither gedenkt man in Deutschland an diesem Tag nicht, wie es kraft eines UN-Beschlusses in anderen Ländern üblich ist, der Opfer der Shoa, sondern universell aller Opfer, die auf das Konto der Nationalsozialisten gingen. Das ist auf den ersten Blick löblich, auf den zweiten jedoch auch ein wenig bequem. Erinnerung, so scheint es, ist eine gute Sache. Aber es damit übertreiben, gar an die Wurzel des Nationalsozialismus, nämlich den Judenhass gehen, muss man ja nun auch nicht. Man hält Reden, legt Kränze ab und weiht Gedenkstätten ein. Man rühmt sich der Auschwitz-Prozesse, der „Wiedergutmachungs“-Zahlungen und des „jüdischen Lebens“, das hie und da unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfindet. Das alles sieht gut aus und fühlt sich noch besser an. Vor allem aber beruht es größtenteils auf den Verdiensten weniger, deren Aufarbeitungs-Bemühungen lange Zeit auf Widerstände stießen.

Dass Fritz Bauer sein Wissen über den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns lieber mit dem Mossad als mit deutschen Behörden teilte, dass die Verjährung von Mord – und damit auch die des Völkermords der Nazis – erst nach einigem Hin und Her aufgehoben wurde, darüber lässt sich treffend schweigen. Der Erinnerungskultur wird zwar häufig nachgesagt, lediglich ein Elitenprojekt zu sein. In Wirklichkeit ist sie allerdings nicht einmal das. Es sei denn, man hält das renommierte „Institut für Zeitgeschichte“, das über Jahrzehnte ein Erscheinen des von Raul Hilberg verfassten Standardwerks „Die Vernichtung der europäischen Juden“ behinderte, für eine gänzliche unelitäre Veranstaltung. Frankreich brachte Claude Lanzmanns „Shoa“ hervor, die USA die weltweit beachtete Serie „Holocaust“. In Deutschland setzt man lieber auf hitlerbärtige Satire-Produktionen, auf „Er ist wieder da“, auf Guido Knopp und Hitlers Frauen und immer öfter auch auf Entspannungsübungen, die Titel wie „Unsere Väter, unsere Mütter“ tragen. Während der amerikanisch-israelische Historiker Saul Friedländer sein mehrfach ausgezeichnetes Werk „Das Dritte Reich und die Juden“ vollendete, kümmerte sich das offizielle Deutschland emsig um die Bombenangriffe der Alliierten. Dass die relevanten Forschungen zur Shoa weniger von deutschen Historikern ausgingen und überwiegend von Autoren aus dem Ausland stammen, kommt in Sonntagsreden allerdings nicht so gut an.

Zwischen Wanderzirkus und „Buchenwald Libre“

Seit je her rühmt sich das Land der Dichter und Denker seiner eigenen Tiefsinnigkeit. Mit den vermeintlich „oberflächlich-kommerziellen“ Kulturprodukten jenseits des Atlantiks will es wenig gemein haben. In Sachen Erinnerung ist es jedoch nahezu umgekehrt. Deutsches Gedenken zählt mehr auf Effekte denn auf Substanz. Entscheidend ist nicht der Inhalt, sondern die Verpackung. Die Deutsche Bahn beispielsweise hielt es für eine gute Idee, einen ICE nach Anne Frank zu benennen. Immerhin stehe sie „für Toleranz und für ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen“, was „in Zeiten wie diesen, wichtiger denn je“ sei. Ganz so, als hätte es sich bei Anne Frank lediglich um eine verhinderte Vorkämpferin im Dienste der multikulturellen Gesellschaft, bei den Nazis dagegen um miesepetrige Spielverderber mit Aversion gegen ein „friedliches Miteinander“ gehandelt. Etwas später stellte das „Zentrum für politische Schönheit“ dem AfD-Vergangenheitsexperten Björn Höcke ein Holocaust-Mahnmal vor die Tür – und demonstrierte damit, dass sich das Andenken an die die ermordeten Juden inzwischen auch mühelos als Wanderzirkus nutzen lässt. Im Berliner Ensemble wiederum stehen heute keineswegs nur erinnerungstechnische Workshops und Podiumsdiskussionen auf dem Programm. Nach getaner Gedächtnisarbeit kann man dort ebenso Party machen. „Reden, feiern und trinken – ohne dabei zu vergessen“ lautet das Gebot der Abendstunde. Ob das Barmenü auch „Buchenwald Libre“ oder „Auschwitz Sunrise“ führt, ist hingegen nicht bekannt.

Andernorts ist die Vergangenheitsbewältigung da schon weiter. Erst neulich führte Alexander Gauland in seiner Kyffhäuser-Rede das allgemeine Recht ein, sich nicht nur „unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückzuholen“. Das Recht, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, reklamierte er bei der Gelegenheit für sich und die seinen gleich mit. Wenn schon, denn schon. Dabei muss man dem AfD-Chef zugestehen, auf diese Weise immerhin neue Trends zu setzen. Während die einen noch leugnen und die anderen relativieren (Dresden! Rheinwiesen!), begibt sich Gauland ohne Umschweife auf die Zielgerade und rehabilitiert, worum andere noch mühselig krebsen. Schließlich steht für aufrechte Patrioten viel auf dem Spiel: Erst mit einer ordentlichen Vergangenheit kann auch eine strahlende Zukunft entstehen. Es ist ein Jahr her, da Björn Höcke die „systematische Umerziehung“ beklagte, mittels derer die Alliierten „unsere Wurzeln“ hätten roden, „unsere kollektive Identität“ hätten „rauben“ wollen. Wer heute eine Zukunft haben will, brauche eine „Vision“, die aber nur dann entstehen könne, „wenn wir uns selber finden“, so Höcke. Und weiter: „Selber haben werden wir uns nur, wenn wir wieder eine positive Beziehung zu unserer Geschichte aufbauen. (…) Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“

Der Selbstfindungstrip des Björn Höcke: eine zutiefst deutsche Angelegenheit

Es wäre naheliegend, den Selbstfindungstrip des Björn Höcke als Zweck an sich zu betrachten; als bloße Entspannungsmaßnahme für Menschen, die Geschichte mit einem Selbstbedienungsrestaurant („Eine Portion Stauferkaiser mit Bismarck, aber bitte ohne Holocaust!“) verwechseln. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass seine Übungen das Mittel zum Zweck darstellen. Das AfD-interne Navigationsgerät gibt „Zurück zu deutscher Größe“ als Ziel vor. Auf dem Weg dorthin könnte alles so schön und unbeschwert sein – wenn da nur nicht die toten Juden mitsamt der Erinnerung an sie im Weg herum stehen würden. Nur die „erinnerungspolitische Wende“ kann für freie Fahrt sorgen. Einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung zufolge wollen 55 Prozent der Deutschen „nicht mehr so viel über die Judenverfolgung reden“ und diesbezüglich einen „Schlussstrich“ ziehen. 66 Prozent „ärgern sich darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“.  Unter den jüngeren Befragten (18 bis 29 Jahre) sind es 79 Prozent. Die AfD mag zwar formal eine 13 Prozent-Partei sein. Die Mission Höckes hat allerdings deutlich mehr Potenzial.

Vor allem jedoch harmoniert sie perfekt mit anderen Bewältigungsstrategien, die schon länger zum guten Ton gehören. Brennt etwa am Brandenburger Tor die israelische Fahne, so konsultiert man in gewissen Kreisen keinesfalls die Feuerwehr, sondern das Strafgesetzbuch – um zu unterstreichen, dass derlei Handlungen keinesfalls strafbar sind. Fallen vornehmlich Muslime durch Judenhass auf, folgt darauf einiges an Verständnis – immerhin leiden die jungen Rabauken ja genauso unter Israel wie man selbst. Und wenn der deutsche Außenminister nach Israel reist, um dort eigenhändig den Staatschef zu düpieren, läutet der „Spiegel“ schon mal das Ende der „Sonderbehandlung Israels“ ein. Konsequent ist das allemal. Schließlich liegt laut aktuellen Studien der Anteil derer, die „gut verstehen können, dass man bei der Politik, die Israel macht, etwas gegen Juden hat“, bei 40 Prozent. Ebenso viele Befragte sind davon überzeugt, Israel führe „einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“. Und wenn die Juden also die neuen Nazis sind, wirken die alten Nazis gleich viel nichtiger.

Wenn die „Israelkritik“ auf Freunde des Schlussstrichs trifft

Auch die „Israelkritik“ folgt nicht selten den Regeln des entlastenden Abwehrspiels – allerdings verschämter durch die Hintertür, wo man statt „die Juden“ lieber „Israel“ sagt. Die Selbstfindungs-Gurus von der AfD nehmen stattdessen flott den Haupteingang. Der Weg, der von Täter-Opfer-Umkehr, Selbstmitleid, Ressentiments und Paranoia gesäumt wird, bleibt dabei derselbe. Die einen instrumentalisieren den Holocaust gegen Israel, die anderen betrachten ihn ohnehin als abgehakt. Die einen stören sich mindestens an den toten Juden, die anderen an den lebenden in Israel. In stiller Einigkeit teilen sie sich die Gewissheit, sie selbst seien besser dran, wenn der „ewige Jude“ nicht kraft seiner schieren Existenz ständig die eigene, doch eigentlich so weiße Weste besudeln würde. Auschwitz nehmen sie den Juden gleichermaßen übel. Und selbstverständlich würden sie niemals jemandem ein Haar krümmen – sie wehren sich lediglich gegen das, was sinistere Mächte ihnen antun. Man wird ja wohl noch ein wenig Notwehr betreiben dürfen.

Womöglich ergänzen sich der moderne „Israelkritiker“ und der Schlussstrich-Befürworter sogar besser, als sie es selbst für möglich halten. Natürlich: Die einen sind in der offiziellen Mitte angekommen, die anderen wären es gerne. Das unterscheidet sie. Gleichzeitig hat die „Nicht mehr hören wollen“-Fraktion in der AfD ein dankbares Sprachrohr gefunden, das zudem zum Nachahmen ermutigt. Umso mehr in Zeiten, da die letzten Überlebenden das Zeitliche segnen und der Schlussstrich dadurch gleich viel lockerer über die Lippen geht. Denn natürlich haben die Deutschen aus ihrer Vergangenheit gelernt – vor allem jedoch, wie man sie bewältigt, ohne dabei in den Spiegel blicken zu müssen.

Zuerst bei den "Salonkolumnisten" erschienen.

FDP-Wahlplakat 1949 (gemeinfrei)
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Die Leiden der alten Tante SPD

Mit einem Lied auf den Lippen und überwältigenden 56% Basis-Zustimmung im Rücken macht sich die SPD nun also auf in Richtung GroKo-Verhandlung. Damit erspart sich die deutsche Sozialdemokratie vorerst immerhin die Blöße, mit dem Slogan „Für eine starke Opposition!“ in einen Neuwahlkampf ziehen zu müssen. Und vermutlich ist das angesichts all der weiteren Peinlichkeiten, die das Unternehmen Schulz so nach sich gezogen hat, schon ein ordentliches Ergebnis. Überhaupt gleicht die SPD dieser Tage eher einer Baustelle, deren Mitarbeiter sich nicht einigen können, ob sie das Ganze einfach abreißen und neu aufbauen sollen, oder aber, ob sich der ein oder andere Part noch renovieren lässt. Sie agiert mit dem Habitus einer Volkspartei und den Umfragewerten einer Klientelpartei. Anspruch und Wirklichkeit haben ungefähr so viel miteinander zu tun wie Andrea Nahles und Audrey Hepburn. Zu gerne würden die Sozis wie eine einflussreiche Volkspartei (mit)regieren. Nur fehlen ihr seit geraumer Zeit die realen Machtoptionen, die Slogans wie „Gottkanzler Schulz“ oder „Ich will Bundeskanzler von Deutschland werden“ nicht wie Satire wirken lassen würden. Rot-Rot-Grün ist tot, Rot-Grün mausetot. Und letzteres nicht nur zahlenmäßig, sondern auch inhaltlich. Wer wissen will, was Rote und Grüne unter anderem trennt, muss nur die außenpolitischen Ansichten von Cem Özdemir mit denen von Sigmar Gabriel vergleichen. Kein Wunder, dass die Grünen sich da teilweise bei Angela Merkel wohler fühlen. Die kann immerhin auch Energiewende.

Ähnlich miserabel sieht es bei den Wählern aus, bei der Kernklientel insbesondere. Böse Zungen behaupten, dass der klassische Arbeiter im Ruhrpott eher weniger mit Familiennachzug und „Nein“ zur Obergrenze anfangen kann. Aufreizende Werbung sieht er lieber in seinem Spint statt, wie Heiko Maas in jüngster Vergangenheit vorschlug, auf dem Index. Überhaupt wird er sich in den Armen Guido Reils (AfD), dessen Partei gerade schwer auf Gewerkschafter-Tour ist, vielleicht irgendwann wohler fühlen als in denen von Manuela Schwesig, die ihm nur eine Frauenquote bietet. Auch die SPD hat es eindrucksvoll verschlafen, auf die Fragenstellungen, die die AfD okkupiert, mit besseren Lösungen zu reagieren.

Das alles hält die SPD aber freilich nicht davon ab, weiterhin dieselben Spitzen ins Rennen zu schicken, die den Dampfer vorher schon versenkt haben. Egal, wie wenig man mit der Sozialdemokratie am Hut hat: Es gibt ehrenwerte Gegner einerseits, Gegner, die zum Fremdschämen einladen, andererseits. Man muss Mindestlohn und Bürgerversicherung nicht gut finden, um trotzdem einen gewissen Respekt vor dem Andersdenkenden, etwa vor Sozialdemokraten wie Olaf Scholz zu haben. Bei Andrea „Bätschi, Fresse, bis es quietscht!“ Nahles, Stimmungskanone Ralf Stegner und Martin Schulz, der sich von einem Mahmoud Abbas die Brunnenvergifter-Lüge verkaufen lässt und nebenan auf Twitter die transatlantische Partnerschaft mitdemoliert, fällt das allerdings zunehmend schwer. Die „stolzen Sozialdemokraten“, von denen so oft die Rede ist, müssen sich irgendwo anders versteckt haben.


Die Operation Kühnert offenbart derweil einen Generationenkonflikt zwischen Sozis, die heute ein Amt haben wollen, und Sozis, die auch in drei bis vier Jahren noch eine Chance haben möchten. Wie genau diese Chancen aussehen, steht auf einem anderen Blatt. Dass die SPD nun wieder in Verhandlungen um die gar nicht mal allzu große Koalition eintritt, ändert daran jedenfalls wenig. Die Abrissbirne bleibt trotzdem auf der Tagesordnung. Andernorts sind linke Parteien dahingehend schon weiter, und das in einigermaßen gruseliger Weise. In den USA fand der "demokratische Sozialismus" nach Art von Bernie Sanders durchaus großen Anklang, in Großbritannien ist mit Jeremy Corbyn ein wahr gewordener Albtraum am Start und auch in Frankreich ließen die Wähler den Linksaußen-Kandidaten keineswegs im Regen stehen. Mittel- bis langfristig ist nicht bloß interessant, wo die SPD heute steht, sondern auch, wo sie in fünf Jahren ihre Runden drehen wird - und vor allem, wer die Lücken füllen wird, die sich bis dahin zwangsläufig auftun werden.
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Teheran – Europa: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Während die Proteste im Iran immer blutiger werden, übt sich Europa in besonnener Zurückhaltung. Auf dem Spiel steht vieles: der Atom-Deal, der Status-Quo in Despotistan, die eigene Glaubwürdigkeit. Demonstranten, die für originär europäische Werte sterben, können daher nicht mit Rückendeckung rechnen.    

Charles de Gaulle hat einmal gesagt, Staaten haben keine Freunde, sondern Interessen. Das stimmt zwar nicht völlig – immerhin pflegen genügend Länder Freundschaften auf Basis gemeinsamer Werte, die gleichzeitig auch ihren Interessen dienen – aber es ist immerhin eine konsistente Aussage. Sigmar Gabriel hingegen hält es anders. Als Chef des Außenamts pflegt er ganz ausgiebig diverse  Freundschaften, etwa zum Palästinenser-Führer Mahmoud Abbas, womöglich auch zu Wladimir Putin, mit dem er gerne mal privat zu Abend isst. Gleichzeitig empfiehlt er sich und den Europäern aber ebenso, sich ihrer „Interessen zu besinnen“ und „Macht zu projizieren“ – so Anfang Dezember auf dem Außenpolitikforum der Körber-Stiftung geschehen. Welche Interessen genau das sein sollen, wollte Gabriel dabei jedoch nicht verraten. Eine „wertorientierte Außenpolitik“ werde bei deren Durchsetzung jedenfalls nicht reichen. Stattdessen sei ein „klarer Blick auf die Welt ohne moralische Scheuklappen“ vonnöten.

Spätestens an dieser Stelle hätte man gerne erfahren, wann genau „moralische Scheuklappen“ denn zuletzt die Aussicht vom Auswärtigen Amt auf die Welt blockiert hätten. Als Sigmar Gabriel den amerikanischen Präsidenten davor warnte, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und damit der deutsch-israelischen Partnerschaft erneut einen ganz besonderen Dienst erwies? Als er für eine frühzeitige Lockerung der Russland-Sanktionen plädierte? Oder doch eher im vergangenen Sommer, da er zu einer Konferenz zum Thema „Friedensverantwortung der Religionen“ den Veranstalter der antisemitischen Al-Quds-Märsche in Berlin einlud?

Auch das Mullah-Regime in Teheran kann sich angesichts der landesweit um sich greifenden Proteste derzeit nicht über zu groß geratene Scheuklappen made in Germany beschweren. Während Tag für Tag zehntausende Iraner ein Ende des theokratischen Regimes fordern und dabei vermehrt auf zu allem bereite Revolutionsgardisten treffen, ließ es das Auswärtige Amt eher entspannt angehen. Erst am vierten Tag kamen die zuständigen Diplomaten auf die Idee, der Regierung in Teheran sicherheitshalber zu empfehlen, „die Rechte der Protestierenden zu achten und besonnen zu handeln“.

Europa: mit „klarem Blick“ und ohne „moralische Scheuklappen“

Nun gehen die Protestierenden ja vor allem deshalb auf die Straße, weil das Regime sich auch sonst nicht um deren Rechte schert. Aber das muss niemanden in Berlin irritieren. Genauso wenig wie die ersten Toten und hunderte von Verhaftungen. Es sind vor allem amerikanische Politiker, angefangen beim Präsidenten selbst über Republikaner wie Paul Ryan bis hin zu Demokraten wie Adam Schiff, die den Menschen auf iranischen Straßen den Rücken stärken. Europäische Diplomaten üben sich derweil in besonnener Zurückhaltung und behalten im Gabriel’schen Sinne den „klaren Blick“.

Immerhin ist der fürsorglich eingetütete Iran-Deal gerade mal zwei Jahre jung. Der damals amtierende Außenminister Frank-Walter Steinmeier erblickte darin einen „historischen Erfolg der Diplomatie“. Da wäre es schade, wenn das junge Glück nach so kurzer Zeit schon wieder dahin wäre, nur weil ein paar wütende Iraner dazwischen funken und ein Leben ohne Tyrannei fordern. Auch die Mullahs sehen das ähnlich, erlaubt ihnen das Atomabkommen doch, die nuklearen Ziele weiterzuverfolgen und dabei mit westlichen Milliarden die Vorherrschaft in der Region zu zementieren. Ob im Gazastreifen, im Jemen, im Libanon oder in Syrien, dort vor allem in direkter Nachbarschaft zu Israel, das von den Mullahs regelmäßig mit Vernichtungsdrohungen bedacht wird  – den Nahen Osten zu besuchen, ohne dabei über den Iran und seine Handlanger zu stolpern, erweist sich zunehmend als Herausforderung. Und schon zuvor – genauer: seit 1979 – zeigte der islamische Gottesstaat viel Engagement in puncto „Revolutionsexport“, der sich sowohl in weltweiten Terroranschlägen als auch in einer Stärkung des fundamentalistischen Islam manifestierte. Böse Zungen erkennen gar im Iran keinesfalls die Lösung, sondern die Ursache etlicher Probleme. Aber auf böse Zungen wollen die europäischen Ohren lieber nicht hören.

Friedhofsfrieden first

Stattdessen konzentrieren sie sich auf ihre Interessen, die vor allem in der Beibehaltung des Status quo bestehen. Natürlich gilt ihnen das Atomabkommen als unentbehrlich, denn zum einen ist es milliardenschwer, zum anderen ist es hübsch am eigenen diplomatischen Revers anzusehen. Vor allem aber kennt der Nahe Osten aus europäischer Sicht ohnehin nur zwei Aggregatzustände, die zu verändern der hiesigen Bequemlichkeit nicht zuträglich wäre. Mal erscheint er als „Pulverfass“, vor allem dann, wenn Israel Siedlungen baut oder der Ami einmarschiert und Terrorregime entfernt. Und von Pulverfässern sollte man sich bekanntlich fernhalten. Mal gestaltet er sich aber auch als festzementierte Landschaft, für die einzig eine Herrschaft der Despotie vorgesehen sei. Auch an solchen „Naturgesetzen“ sollte man als Europäer nicht rütteln. Die vielgerühmte „Stabilität“ geht vor. Lieber pflegt man innige Freundschaften zu den dortigen Staatschefs. Das lohnt sich vor allem deshalb, weil der durchschnittliche Nahost-Despot nicht abgewählt werden kann und somit als Freund und Partner praktischerweise besonders lange erhalten bleibt.

Ein Umsturz im Iran wäre dagegen eine äußerst ungemütliche Angelegenheit. Kein Mensch weiß, was danach kommt. Niemand hat eine Idee, was dann zu tun wäre. Die liebgewonnenen Autokraten würden nicht mehr ans Telefon gehen, stattdessen müsste man sich mit neuen Führungsfiguren arrangieren. Export-orientierte Unternehmen wären sauer und stünden ebenso in europäischen Außenämtern auf der Matte wie unzählige Vertreter aus der arabischen Nachbarschaft, deren Karten nun ebenfalls neu gemischt würden. Nicht zuletzt bekäme auch das eigene Image einige Kratzer ab. Ein neuer Post-Mullah-Iran wäre ein Ort, an dem auch die Verbrechen der Mullahs schonungslos offengelegt würden. Zu erklären, warum man sich mit eben jenen Mullahs jahrelang gemein machte, wäre keine sonderlich angenehme Aufgabe.

Aus Schaden wird man klug. Nur in Europa nicht

Kurzum, ein Ende des Status Quo wäre lästig und daher nichts für eine Politikergeneration, die es sich in puncto Nahost auf der Zuschauertribüne gemütlich gemacht hat. Die sich dabei nicht von humanitären Krisen oder nuklearen Ambitionen stören lässt und erst dann aus der Fassung gerät, wenn das eigene Interesse an „Stabilität“ berührt wird. Denn dann müsste man womöglich selbst etwas tun, und das überlässt man gemeinhin doch lieber den anderen (zumeist den Amerikanern). Die Europäer trifft man nie dort, wo es zählt, dafür aber immer dann, wenn es „Appelle an beide Seiten“ zu verteilen gilt und auf Leichenbergen an „Wiederaufbau“ gedacht werden kann. Revolution und Wandel klingen ausschließlich in Geschichtsbüchern gut, in der eigenen Amtszeit möchte man sie lieber nicht erleben.

Das gilt auch dann, wenn sich der nahöstliche Frieden als Friedhofsfrieden erweist und die Probleme Arabiens plötzlich vor der eigenen Tür stehen. Die Flüchtlingskrise ist das Resultat eines skrupellosen Zusammenspiels von „Stabilitätsgaranten“ wie Assad, Putin und Rohani, die sich von westlichen Idealen und völkerrechtlichen Prinzipien eher selten irritieren lassen. Sie ist aber auch das Resultat westlicher Abstinenz. Die Untätigkeit, die sowohl von Europa als auch von Amerika ausging, kostete in Syrien nicht nur hunderttausende Menschenleben, sondern erzeugte auch eine europäische Krise, auf die niemand eine gute Antwort findet. Während die Amerikaner schon länger begriffen haben, dass den eigenen Interessen – von Sicherheit bis Wohlstand – am besten gedient ist, wenn die Zahl freier, demokratischer Staaten wächst und die der unfreien Regime sinkt, klammern sich die Europäer beharrlich an das brüchige Stabilität-durch-Despotie-Modell und geben der Autokratie stets gern den Vorzug. Dass ein Ende der khomeinistischen Diktatur ein Segen wie auch eine Chance auf tatsächlichen Frieden wäre, hält der europäische Diplomat folglich für einen schlechten Scherz.

Zwischen Verrat, Gedächtnisverlust und Bequemlichkeit

Indes nehmen die Proteste im Iran ihren Lauf. Wo sie enden, ist nicht abzusehen. Wie blutig sie werden können, hingegen schon. Für Anfänger bietet sich ein Blick auf die Proteste im Jahr 2009 an, denen das Regime mit brutaler Gewalt ein Ende setzte. Unzählige Oppositionelle landeten in den vielen Folterknästen des Landes, wo sie nun auf die Demonstranten von heute treffen. Manche von ihnen werden möglicherweise immer noch darauf hoffen, dass der Westen ihnen diesmal den Rücken stärkt, nachdem er sie 2009 im Stich ließ; dass er genug Druck auf die Regierung ausübt und sie damit vor ungehemmter staatlicher Gewalt schützt. Immerhin, so könnte man annehmen, existiert zwischen Europäern und protestierenden Iranern ja eine Gemeinsamkeit: Die einen leben und regieren in Staaten, deren Fundament das Bekenntnis zur individuellen Freiheit ist. Die anderen gehen für dieselbe Freiheit auf die Straße und riskieren für sie ihr Leben. Theoretisch sollte also auch Europa an ihrer Seite stehen, mindestens Sympathien für sie hegen. Praktisch hingegen scheint den Europäern entfallen zu sein, auf welcher Idee ihre Staatswesen fußen und welche Ideale sie erfolgreich machten. Daheim trommeln sie für die „Ehe für alle“ und Datenschutz, in die Ferne nach Despotistan liefern sie indes Rückendeckung und Equipment, das die Unterdrückung des Einzelnen noch effektiver macht. Und wenn sie dann noch Zeit haben, suchen sie die Schuld für nahöstliches Elend zuverlässig bei den Amerikanern.

Sigmar Gabriel lässt sich derweil nicht aus dem Konzept bringen, erst recht nicht von „moralischen Scheuklappen“. Er sei angesichts der jüngsten Entwicklungen zum einen „sehr besorgt“, so die jüngste Stellungnahme am Montag. Zum anderen hält er es „nach den Konfrontation der vergangenen Tage [für] umso wichtiger, allseits von gewaltsamen Handlungen Abstand zu nehmen“. Eine weise Einschätzung, für die vor allem die Menschen auf iranischen Straßen dankbar sein werden. Das Regime möge also entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten die „Rechte der Demonstranten respektieren“ – aber auch die Demonstranten selbst sollten es mit dem Abreißen von Rohani-Plakaten lieber nicht übertreiben und sich ansonsten besonnen zeigen, wenn bewaffnete Paramilitärs auf sie losgehen. Sobald es um Mediation zwischen „beiden Seiten“ geht, ist auf den deutschen Außenminister eben Verlass. Einer muss ja schließlich den „klaren Blick auf die Welt“ bewahren.

Zuerst bei den Salonkolumnisten erschienen.

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"Ja aber" und "nie wieder!"

Mit viel Ratlosigkeit blickt Deutschland auf Antisemitismus in der muslimischen Community. Dabei profitiert der Judenhasser an sich vor allem von der Schwäche der Mehrheit. Ein klares Zeichen dagegen müsste ohne Wenn und Aber Pro-Israel sein. Doch das kann eine Nation voller „Israelkritiker“ nicht verantworten.
 

Mit Antisemitismus-Debatten verhält es sich wie mit Autounfällen. Schön anzusehen sind sie nicht, und doch will ein jeder stets ganz vorne dabei sein. So wie der Gaffer sich unweigerlich dem Autowrack nähern muss, verspürt der Teilnehmer der Antisemitismus-Debatte einen überwältigenden Drang, auch mal etwas sagen zu müssen. Gemeinsam ist den gesammelten Diskussionen der letzten Jahre, dass so ziemlich jeder, aber freilich nie ein Antisemit mit dabei war. Stattdessen traf und trifft man stets nur profilierte Kritiker der israelischen Regierung, ganz normale Deutsche, die nun aber wirklich genug über die Verbrechen der Nazis gehört haben wollen, oder mutige Querdenker an.

Ganz ähnlich wie der Antisemitismus geht dabei auch die Diskussion über ihn mit der Zeit. Allzu lange ist es nicht her, da im Zuge des Gazakriegs 2014 vorwiegend junge Muslime über Wochen hinweg von der Großstadt bis hinein ins kleinste Dorf gegen den „Kindermörder Israel“ mobil machten. Auch israelische Fahnen wurden verbrannt, aber eben „nur“ an so beschaulichen Orten wie Aachen. Zwischenzeitlich landeten Brandsätze an der Fassade einer Synagoge im Wuppertal, was ein deutsches Gericht später als Akt der Israelkritik einstufen sollte. In den Medien war derweil von „erlebnisorientieren Jugendlichen“ die Rede, alles Weitere lief unter Folklore. Wichtiger war ohnehin, die „Gewaltspirale“ im Nahen Osten „kritisch“ zu begleiten.

Nun allerdings, da sich nicht nur in Berlin empörte Demonstranten mit Migrationshintergrund versammelt haben, um mit brennenden Israel-Fahnen und Aufrufen zur Intifada ihre Stimme gegen die Jerusalem-Entscheidung des amerikanischen Präsidenten zu erheben, hat die Diskussion eine andere Ausfahrt genommen. Zumindest auf den ersten Blick. Neben unzweideutigen Hinweisen, doch bitte säuberlich zwischen Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik und Kritik an der israelischen Regierung zu differenzieren, finden auch vergleichsweise eindeutige Verurteilungen des munteren Treibens statt.

Insofern muss man dem Flaggenverbrenner vom Brandenburger Tor womöglich sogar dankbar sein. Ohne sein „Israelkritik on fire“ wäre die Debatte vermutlich nicht dort, wo sie jetzt ist. Wurde das Problem 2014 vornehmlich zwischen Jerusalem und Gaza lokalisiert, denkt man nun immerhin darüber nach, ob es in Deutschland eventuell doch Schwierigkeiten mit Antisemitismus in der muslimischen Community geben könnte. Ein lodernder Davidstern in unmittelbarer Nähe zum Reichstag – das war dann wohl doch zu viel der Israelkritik. Ordnung muss schließlich sein, in Deutschland mag man es lieber dezenter.

Wettlauf der Anti-Antisemiten

So steht nun der „importierte Antisemitismus“ auf der Tagesordnung. Mit ihm ist ein Wettlauf um die Frage entbrannt, welches Team die höchste Antisemitismus-Reinheit vorzuweisen hat. Ganz vorne im Rennen liegt dabei die AfD. Deren Repräsentanten machen nun in Anti-Antisemitismus und haben plötzlich die historische Verantwortung wiedergefunden, die sie bei den letzten Höcke- und Gauland-Events noch an der Garderobe abgegeben hatten. Wenn der Judenhass von Muslimen oder gar „Merkels Gästen“ ausgeht, muss das Ansehen der Wehrmachtsoldaten eben Pause machen. Und so fragte Alice Weidel jüngst auf Twitter, ob gewaltbereiter Judenhass von Migranten „nun etwa auch zu Deutschland gehört?“. Eine legitime Frage. Zu Deutschland passt bekanntlich viel eher gepflegtes Gruseln vor den „Marionetten der Siegermächte“.

Zeitungen wiederum, die niemals um eine „Israel droht mit Selbstverteidigung“-Zeile verlegen sind, fordern in ihren Leitartikeln dazu auf, der brandneuen Importware ein lautstarkes „Nie wieder!“ entgegenzusetzen. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betont, Antisemitismus dürfe „keinen Platz haben in dieser Bundesrepublik“. In der SPD aber offensichtlich schon. Zumindest, wenn er in so elegante Apartheid-Vergleiche verpackt wird, wie man sie aus dem Munde des Außenministers kennt. Erst vor gut einer Woche gab Sigmar Gabriel in einem Gespräch mit muslimischen Jugendlichen zu Protokoll:

 „Die Bundesregierung habe Trumps Entscheidung sofort kritisiert und nehme sich selbstverständlich auch das Recht heraus, Israels Regierungspolitik zu kritisieren. Er selbst, sagt Gabriel, habe vor einigen Jahren nach einem Besuch in Hebron in den besetzten Gebieten davon gesprochen, dass ihn das Gesehene an Apartheid erinnere. Aber israelische Fahnen zu verbrennen, das sei die falsche Methode, um gegen israelische Politik zu demonstrieren.“

Nicht auf den Antisemitismus-Gehalt, sondern auf die Methoden kommt es also an. Eine clevere Strategie, die sich auch „propalästinensische“ Demonstranten hinter die Ohren schreiben sollten. Problematisch wird es erst, wenn Davidsterne lodern. Die Aufmärsche an sich laufen bei Gabriel dagegen offenbar unter ganz normaler „Israelkritik“. Eine Einschätzung, der sich auch die meisten der zuständigen Polizeibeamten anschlossen. Solange nichts anbrannte, blieben die Demonstrationen der letzten Zeit stets „friedlich“. Aufrufe zur Intifada, Palästina-Karten ohne Israel, Hamas-Flaggen, arabische Schlachtrufe oder der Evergreen „Kindermörder Israel“, der sicher nur rein zufällig an den antisemitischen Topos vom ritualmordenden Juden erinnert, gelten derweil als Ausweis von Friedfertigkeit.

Zwischen „ja aber“ und „selbst schuld!“

Und so erweist sich das Nie-Wieder-Land als äußerst talentiert, wenn es darum geht, den Judenhass aus sämtlichen unter Antisemitismus-Verdacht stehenden Angelegenheiten präzise zu entfernen. Junge Muslime in Deutschland werden mühelos in das nahöstliche Actio-Reactio-Schema integriert, demzufolge sie gar nicht anders können, als auf sämtliche Regungen aus Israel mit gewaltigem Furor zu antworten. Die Jerusalem-Entscheidung Donald Trumps gilt nicht als austauschbarer Anlass, um ein ohnehin bestehendes Ressentiment auf die Straße zu tragen, sondern als eindeutiger Auslöser einer legitimen Protestwelle. Und wenn Trump die Ursache und „Israelkritik“ der Inhalt des Protests ist, kann für Antisemitismus folglich nur noch wenig Platz bleiben. Allein der Begriff „Antisemitismus“ genügte, um unzählige Nahost-Experten in den abwehrbereiten Ja-Aber-Modus zu versetzen. In etlichen Leserbriefen und Facebook-Kommentaren betonen sie seither, dass Antisemitismus freilich zu verurteilen sei, Kritik an Israel aber erlaubt sein müsse und beides ohnehin nichts miteinander zu tun habe. Während ein brennender Davidstern normalerweise Sorge auslösen müsste, denkt der moderne „Israelkritiker“ bei dessen Anblick erst einmal an den israelischen Siedlungsbau. Schließlich muss man Prioritäten setzen.

Ohnehin ist der Jude im Zweifel einfach selbst schuld. Bei Netanyahus Vorgehen müsse man sich ja nicht wundern, wenn die Araber sauer werden und ihrem Ärger auch hier Luft machen, so die gängige Annahme. Wenn dabei Israelis und Juden „verwechselt“ würden, sei das natürlich bedauerlich. Nebenan in der Realität interessiert sich der durchschnittliche „Free Palestine“-Aktivist allerdings weniger für derlei Feinheiten. Ihn tangiert nicht sonderlich, ob ein amerikanischer Präsident die Botschaft nach Jerusalem, Haifa oder Eilat verlegt, weil er schon den dazugehörigen Staat nicht anerkennt. Es ist ihm auch völlig gleichgültig, ob Netanyahu Israel in eine theokratische Diktatur verwandelt oder es bis auf Tel Aviv komplett den Arabern überlässt. Ihn stört  nicht, in welchen Grenzen Israel besteht, sondern dass Israel überhaupt, und zwar vor allem als Staat der Juden, existiert. Darum ergibt es für ihn auch durchaus Sinn, auf die Verlegung der amerikanischen Botschaft mit tätlichen Angriffen auf eine Synagoge in Schweden oder ein koscheres Restaurant in den Niederlanden zu reagieren. Jude bleibt Jude. Und was jüdisch ist, bestimmt der Antisemit – ganz gleich, welche Differenzierungs-Modelle man in Deutschland etabliert.

Irrungen und Wirrungen

Doch wenn es um den Nahen Osten geht, gelten in Deutschland nicht nur andere Spielregeln. Auch bei der Logik gibt es ab und an Ausfallerscheinungen. Niemand würde ernsthaft behaupten, die Politik Erdogans könnte dem Ansehen der Deutschtürken schaden. Kein Mensch äußert die Befürchtung, dass Russland-Deutsche in Berlin angesichts des Vorgehens Putins in Syrien und der Ukraine zur Zielscheibe von Gewalt werden könnten. Im jüdischen Kontext hingegen erscheint der gleiche Gedankengang völlig plausibel. Dabei kommt es hinsichtlich antisemitischer Regungen in keiner Weise darauf an, was die israelische Regierung tut oder unterlässt. Das „Selbst schuld“-Argument sagt wenig über die Realität, dafür aber viel über die Bereitschaft des „Israelkritikers“ aus, im Juden oder seinem Staat ganz automatisch die Ursache jeglichen Übels auszumachen.

Dass der Gehalt von Antisemitismus-Debatten häufig Glückssache ist, war auch anlässlich einer weiteren Intervention zu bemerken: Justizminister Heiko Maas meldete sich zu Wort. Angesichts der jüngsten Vorkommnisse schlug er vor, den Holocaust zu einem „noch zentraleren Thema“ in Integrationskursen zu befördern. Darüber hinaus, so der Justizminister, müsse „jeder wissen, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit zwei Seiten derselben Medaille sind: Auf beiden Seiten steht das Wort Rassismus.“ Worte, die gut klingen und sicherlich noch besser gemeint sind. Unglücklicherweise mangelt es ihnen in diesem Fall jedoch an Bezug zur Praxis.

Weder ist der Antisemitismus eine Spielart des Rassismus, noch ist er der eineiige Zwilling der Fremdenfeindlichkeit. Zwar teilen sich die Rassisten viele gesellschaftspolitische Vorstellungen mit den Antisemiten. Dennoch erweist sich der durchschnittliche Antisemit als wesentlich anspruchsvoller. Während Rassisten „die anderen“ als minderwertige Kreaturen ansehen, die möglichst dort bleiben sollen, wo sie her kommen, ist der Antisemit damit noch lange nicht zufrieden. Der Jude gilt ihm nicht als verachtenswertes Ärgernis, sondern als übermächtige Bedrohung, die aus seiner Sicht ständig am Strippen ziehen, zersetzen und Kriege führen ist und ohnehin hinter den Kulissen die Weltherrschaft an sich zu reißen gedenkt. Darum reicht es dem Antisemiten nicht, wenn der Jude „raus aus Deutschland“ oder „raus aus Palästina“ ist. Vielmehr muss er ganz von dieser Welt verschwinden. Konsequent zu Ende gedacht läuft der Antisemitismus mit der ihm eigenen Logik über kurz oder lang immer auf Vernichtung hinaus.

Von gut integrierten Antisemiten und Wettbewerbsvorteilen

Insofern ist es prinzipiell überflüssig, Antisemitismus nach Farben, Richtungen und Provenienz zu ordnen; die guten Antisemiten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen einzusortieren und so zu tun, als gäbe es gefährlicheren und weniger gefährlichen Judenhass. Tatsächlich gibt es nur einen Antisemitismus. Seit über 2000 Jahren bahnt er sich seinen Weg durch die Geschichte, nistet sich in ganz unterschiedliche Milieus ein und geht dabei stets mit der Zeit. Entscheidend ist letztlich vor allem, wie gut er unter Kontrolle ist. Dass seine Träger also nicht übermütig werden, in Regierungen landen oder Gewalt anwenden. Die Zähmung des Flaschengeists ist dabei keineswegs eine ausschließlich juristische Angelegenheit, sondern obliegt gleichermaßen der Zivilgesellschaft, den Medien und der Politik.

Der durchschnittliche Neonazi etwa kann sich heute keineswegs überall, geschweige denn vor dem Brandenburger Tor, zu voller Pracht entfalten. Auch dank des „Kampfs gegen Rechts“ fristet er sein Dasein vornehmlich in ostdeutschen Safe Spaces. Das ist nach wie vor zu viel, aber immerhin noch überschaubar. Anders verhält es sich mit linken Society-Antisemiten, die im Vergleich wesentlich besser integriert sind. Man trifft sie in Parteien, NGOs und Medienhäusern. Von dort aus leisten sie stets gerne Schützenhilfe, wenn einer der ihren zur Tat schreitet. Damals, als deutsche Linksextremisten in Entebbe Juden selektierten, agitierten sie gegen Israel. Heute finden sie gute Gründe, warum BDS-Aktionen wenig mit „Kauft nicht beim Juden“ und viel mit „informierten Kaufentscheidungen“ zu tun haben sollen. Selbst machen sie sich die Finger jedoch nicht schmutzig. Das eint sie mit der AfD. Linke wie Rechte bedienen gemeinsam die diversen Bedürfnisse der Mitte, die zwischen „Israelkritik“ und Vergangenheitsentsorgung rangieren und oftmals ineinander übergehen, weil jeder „Gaza = Freiluft-KZ“-Vergleich praktischerweise auch gleich die Taten der Großeltern relativiert. Und während die AfD emsig an einer Renovierung der Erinnerungskultur arbeitet, hat sie nebenher stets ein Plätzchen für diverse Randexistenzen frei.

Der Antisemit mit Migrationshintergrund ist dagegen direkter. Nicht selten lebt er in einer Welt, in der Judenhass zum guten Ton gehört und kaum einer Autorität Kopfzerbrechen bereitet. Schiebt er dann im Schulunterricht 9/11 den Juden in die Schuhe, trifft er auf ratlose Lehrer. Tritt er auf einer „propalästinensischen“ Demonstration auf, begegnet ihm „die Mitte“ mit Indifferenz oder Verständnis. Aus seinem Judenhass macht er keinen Hehl. Schließlich hatte er auch nie Anlass dazu. Und weil er seinen Wahn so ungeschminkt und offensiv, mitunter auch tätlich auslebt, gehen Juden in vielen Ecken Deutschlands präventiv auf Nummer sicher und nehmen die Kippa lieber ab. Der muslimische Antisemit ist nicht per se besser oder schlimmer als seine Kollegen aus anderen Biotopen. Er hat allerdings einen gravierenden Vorsprung, was die praktische Umsetzung seines Hasses angeht.

Gute Freunde kann niemand trennen

Diesen Wettbewerbsvorteil genießt der „importierte Antisemitismus“ auch deshalb, weil er sich auf Rückhalt aus der Gesellschaft verlassen kann. Der Neonazi trifft auf ein breites, „buntes“ Bündnis, der muslimische Judenhass wächst und gedeiht indes weitestgehend ungestört. Aus gutem Grund – schließlich müsste eine Demo gegen den jüngsten Ausbruch israelbezogenen Judenhasses ohne Wenn und Aber pro-israelisch sein. Ein Bekenntnis, das der Mitte zweifelsfrei nicht zuzumuten ist. Immerhin hat dieselbe Mitte schon alle Hände voll zu tun, das Verhalten der israelischen Regierung (egal welche) zu geißeln. Diese urdeutsche Form der „Neutralität“ hilft ausschließlich dem Aggressor, nicht dem Opfer.

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung liegt der Anteil derer, die „gut verstehen können, dass man bei der Politik, die Israel macht, etwas gegen Juden hat“, bei 40%. Der „Import-Antisemitismus“ ist also keineswegs eine exotische Rarität, sondern fester Teil eines Weltbilds, das sich vom Oberstudienrat über den Sigmar-Gabriel-Fan bis hin zum Augstein-Leser ausgebreitet hat. Würde die „Mitte“ dagegen demonstrieren, gliche das einer Selbstanklage. Da ist es klüger, für die Wahrung der „Israelkritik“ einzutreten und die Latte, die die feine Kritik vom hässlichen Judenhass trennt, möglichst so hoch zu hängen, dass man selbst noch bequem darunter hindurchpasst.

Während dem Springerstiefel-Träger eine Gesellschaft gegenübersteht, die ihm klare Grenzen aufzeigt, trifft der „Kindermörder Israel“-Demonstrant auf ein breites Bündnis an Medienschaffenden, Hobby-Nahostexperten und Politikern, die sich selbst mit der Benennung der israelischen Hauptstadt schwer tun. Kein Wunder, dass der migrantische Judenhass so viel von dem Platz einnimmt, den man dem Antisemitismus zumindest in Sonntagsreden doch „nie wieder“ einräumen wollte. Die Anhänger des brennenden Davidsterns und ihre biodeutschen Schützenhelfer verstehen sich einfach zu prächtig. Und gute Freunde kann bekanntlich niemand trennen.

Ein klares Zeichen gegen israelbezogenen Antisemitismus (by J. N. Pyka.)
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