"Auschwitz am Strand" und weitere Entspannungsübungen

Bei der "documenta" in Kassel hielten sie es neulich für eine besonders brillante Idee, eine sogenannte Kunstaktion mit dem Titel "Auschwitz on the beach" ins Programm zu nehmen. Bereits im dazugehörigen Begleit-Text erfuhr man Näheres über die Sphären, in denen die Künstler sich so bewegen: "Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat". Auf derlei Verharmlosungen folgte jede Menge Kritik, so dass die mutigen Tabubrecher inzwischen auf die Bremse treten mussten. Ihre Show nennen sie nun "shame on us!", abgehalten wird sie lediglich in Form einer Lesung samt "partizipativer Diskussion über die neuen Gesichter des Faschismus und der aktuellen Politiken der Migration in Europa".

Die documenta-Leitung wiederum ist damit wohl weniger glücklich, denn Kritik wollte sie zunächst nicht so recht gelten lassen. Immerhin, so der zuständige Kurator, nutze der Künstler "das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken". Das setzt zunächst einmal voraus, dass alle Beteiligten überhaupt über ein Gewissen verfügen. Gleichzeitig spielt das objektive Gewissen ohnehin keine große Rolle, wenn es um die Verspannungen geht, deren Lösung sich die Freunde eben jener Kunst sehnsüchtig erhoffen. Denn wenn Auschwitz am Mittelmeer stattfindet, der Holocaust sich gemäß "peta" auch "auf Ihrem Teller" ereignet und die Autoindustrie jedes Jahr "zehntausende Unschuldige vergast", dann ist die Shoa überall. Und wenn Sie erstmal überall ist, dann ist sie quasi nirgends - am allerwenigsten in der deutschen Geschichte. Cleverness, die man nicht nur aus Kassel kennt.

Ein paar hundert Kilometer nördlich von Kassel, in der Redaktion des "stern", geht es derweil ebenfalls ans Eingemachte. Auf dem neuen Titelbild hitlergrüßt kein Geringerer als ein in stars and stripes gehüllter Donald Trump. Der "stern" hat offenkundig alles über "seinen Kampf" herausgefunden, was man in Deutschland darüber wissen muss. Selbstverständlich kann man alles mit allem vergleichen: Cindy aus Marzahn mit Angela Merkel, Dieter Bohlen mit Giuseppe Verdi, den "stern" mit einem ernstzunehmenden politischen Magazin. Es kommt nur darauf an, wie redlich man beim Vergleichen vorgeht, ob man sich also auf Fakten oder auf Ressentiments beruft. In Hamburg scheint man dahingehend ein wenig durcheinandergekommen zu sein und die eigenen Reflexe mit seriösem Journalismus, traditionellen Antiamerikanismus mit fundierter Kritik verwechselt zu haben. Immerhin ist Donald Trump der schönste Antiamerikanismus-Vorwand, seit es den Antiamerikanismus gibt. Ein zu verlockendes Angebot, um es abzulehnen.

Was das Cover aber noch besser macht, ist die seelenhygienische Wirkung, die es gleichzeitig entfaltet. Denn je öfter man den Führer auslagert - in dem Fall zielgerichtet ins Weiße Haus -, desto weniger fällt das Original ins Gewicht. Erneut ein schöner Erfolg auf dem Gebiet der praktischen Vergangenheitsbewältigung, worin den Deutschen bekanntlich niemand etwas vormacht. Gut möglich, dass die Amerikaner sich das alles etwas anders vorgestellt haben, als sie sich damals der Reeducation widmeten. Aber nun haben sie ja selbst ihren eigenen, vom "stern" zertifizierten Führer. Wie praktisch.

Das Mittelmeer. Nicht im Bild: germanische Reflexe. (by J. N. Pyka)
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"Sonst haben die Terroristen gewonnen!" - vom Sinn und Unsinn einer Parole

Zu den beliebtesten After-Terror-Parolen zählt mittlerweile die Ankündigung, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen. Beliebt ist sie vor allem deshalb, weil sie kämpferisch klingt und sich von jedem beliebig aufladen lässt. Sie sagt dementsprechend viel über die Zielscheibe des Terrors und wenig über die Terroristen selbst aus. Denn die am Gewinnen zu hindernden Terroristen haben mitunter ganz andere Vorstellungen hinsichtlich der Frage, wann sie gewonnen haben und wann nicht. Es gibt auch keine repräsentative Forsa-Umfrage über die Vorstellungen, die Terroristen zwischen Raqqa und Brüssel zum Thema Gewinn und Verlust haben. Naheliegend ist allerdings, dass die jeweiligen Terroristen in Spanien am vergangenen Donnerstag schon mal gewonnen haben. Wer sich zum Morden aufmacht und das auch schafft, der hat sein persönliches Etappenziel erreicht. Hindert man einen Terroristen daran, etwa indem man ein Fußballspiel aufgrund ernstzunehmender Hinweise absagt, dann hat der betreffende Mörder in spe erstmal verloren. Diejenigen, die das Fußballspiel sehen wollten, haben somit gewonnen, aber gleichzeitig auch ein Stück Lebensqualität verloren. Jene, die am nächsten Tag eigentlich auf ein Festival gehen wollten, es sich aufgrund solcher Vorkommnisse jedoch überlegen, auch.

Andere wiederum folgen der "jetzt erst recht"-Devise und leben weiter wie gehabt - "denn sonst hätten die Terroristen ja gewonnen". Das ist sicherlich keine falsche, vielmehr eine menschlich betrachtet sympathische Herangehensweise. Vor allem ist es aber eine individuelle Entscheidung, die nicht zur Maxime für alle erhoben werden sollte. Wer lieber nicht auf das Oktoberfest, auf ein Konzert oder eine Fanmeile gehen will, der sollte das auch so halten dürfen, ohne sich sagen lassen zu müssen, er hätte den Terroristen gerade einen Punktsieg verschafft. Andersrum wäre es schön, wenn die Fraktion der Warnenden nicht zuverlässig Häme über jenen auskippen würde, die sich ihre Lebensfreude eben nicht nehmen lassen wollen. Die einen halten's so, die anderen lieber so, leben und leben lassen - auch das wäre Ausdruck jener Toleranz, von der man so häufig hört.

Zweifellos klingt „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ besser als „Wir werden alle untergehen!“. Fatalismus gepaart mit Vorschlägen, die in die Sümpfe außerhalb des Rechtsstaats führen, ist keine sonderlich clevere Option - es sei denn, man glaubt ohnehin schon mehr an gestern als an morgen. Worte zählen, positive genauso wie negative. Es kommt bloß auch darauf an, wo sie fallen. Der Appell, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, kann auf gesellschaftlicher Ebene durchaus Sinn ergeben – vor allem jedoch an Orten wie Israel, wo der Terror so omnipräsent wie die Lebensfreude ist. Die Parole funktioniert deshalb, weil sie nicht im luftleeren Raum daher kommt, sondern mit der Gewissheit der Bürger verknüpft ist, dass die Behörden konsequent alles daran setzen, Terror zu verhindern. Aber Europa ist nicht Israel. Es könnte und sollte in dieser Beziehung höchstens mehr Israel wagen. Solange es jedoch Anis Amris gibt, solange nahezu jeder erfolgreiche Attentäter den Behörden bekannt war, solange es also noch nicht soweit ist wie in Israel, wo das „weiter so“ auf einem stabilen Fundament aus vielfältigen Sicherheitsmaßnahmen fußt - solange haftet dem Vorsatz, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, in Teilen auch der Nachgeschmack eines abgelaufenen Beruhigungsmittels an.

Haben Terroristen also gewonnen, wenn sich Europäer daheim verbarrikadieren? Manches spricht dafür, manches dagegen. Schäumen sie daheim im Kalifat vor Wut, wenn sie sehen, wie sich Touristen schon morgen wieder in Barcelona des Lebens erfreuen? Mag sein, eine hübsche Vorstellung wäre es definitiv. Vielleicht ist es ihnen aber auch egal, weil sie schon den nächsten Anschlagsplan aushecken.

Letztendlich ist es momentan ohnehin völlig irrelevant, welche Seite inwiefern und mit welchem Punktabstand gewinnt oder verliert. Denn da "Gewinnen" im Auge des Betrachters liegt, ist es schlicht kein Maßstab und keine sonderlich sinnstiftende Kategorie. Ziel sollte deshalb nicht bloß sein, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen". Das sollte man vorerst am besten ganz vergessen. Das Ziel sollte und muss viel eher sein, die Terroristen davon abzuhalten, das tägliche Leben im Westen objektiv zu beeinträchtigen und Menschen umzubringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erst danach kann man sich in diesen Breitengraden wieder über das Gewinnen unterhalten. Aus der Siegerperspektive nämlich.

Haben tatsächlich gegen Terroristen gewonnen: Team 6 der Navy Seals
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Alternative Selbstverständlichkeiten

Es gehört sicherlich nicht zu den Kernaufgaben eines amerikanischen Präsidenten, sich jedes Mal zu Wort zu melden, wenn ein paar Rand-Angehörige um die Ecke laufen oder mehrere Ränder gegenseitig aufeinander losgehen. Ein bisschen anders ist es möglicherweise, wenn Freunde der Hakenkreuz-Flagge eine Stadt regelrecht okkupieren und in bester Fackellaune ihre antisemitischen und rassistischen "Blut und Boden"-Fantasien kommunizieren, wie es nun in Charlottesville der Fall war. Und definitiv anders verhält es sich, wenn dieselben Zeitgenossen zusätzlich „Heil Trump!“ rufen, einer der ihren anschließend dem palästinensischen Car-Intifada-Trend folgend in eine Menschenmenge rast und dabei eine junge Frau tödlich verletzt. In diesem Fall könnte man von einem amerikanischen Präsidenten durchaus erwarten, dass er die verantwortlichen Extremisten klar beim Namen nennt, ohne dafür zwei Tage Zeit und jede Menge öffentlichen Druck zu benötigen. Naheliegend wäre auch, sich als Präsident insoweit von den Ereignissen zu distanzieren, als er den KKK-Liebhabern klar macht, dass er schlicht nicht ihr Mann ist und ihren Support weder möchte noch benötigt. Der amtierende Präsident brachte allerdings weder das eine noch das andere auf die Reihe.

Inzwischen hat es sich zwar herumgesprochen, dass Donald Trump kein „normaler Präsident“ ist. Aber die Maßstäbe, die man an den Führer der freien Welt anlegt, sind immer noch dieselben. Die neonazistische Weltanschauung zu verurteilen ist ungefähr der Inbegriff des Selbstverständlichen. Von Washington D.C. aus betrachtet verliert man dabei nichts. Es kostet wenig. Und es gibt praktisch keinen rational nachvollziehbaren Grund, es zu unterlassen. Viele Vertreter der GOP haben es auch geschafft. Nur Donald Trump selbst erweist sich als überfordert, wenn es darum geht, das Selbstverständliche zu tun.

Besonders raffinierte Anhänger des Trumpismus betonen nun zu seiner Verteidigung, dass es sich bei Neonazis schließlich nur um eine kleine und damit politisch unbedeutende Minderheit handelt. Das stimmt natürlich. Allerdings ist die Einflussarmut von Rassisten kein Naturgesetz. Vielmehr sind Neonazis auch genau deshalb eine Minderheit, weil die Mehrheit ihnen regelmäßig und unmissverständlich vermittelt, was sie von völkischen Ideen hält. Die Frage nach einer Welt ohne Rassisten stellt sich nicht. Entscheidend ist nur – wie bei allen anderen Extremisten übrigens auch -, dass sie eine möglichst gewaltfreie Minderheit bleiben, darum wissen und demzufolge nicht übermütig werden. Klare Worte eines Präsidenten wären dahingehend durchaus hilfreich. Wenn der Mann im Weißen Haus aber lieber Gewalt von „allen Seiten“ anprangert und damit sämtliche Rekorde der angewandten Äquidistanz bricht, vermittelt er den Fackelfreunden und denen, die (noch) heimlich mit ihnen sympathisieren, vor allem eines: jede Menge Morgenluft, getaucht in hellgrünes Licht.

Angesprochen auf einige seiner frauenfeindlichen Kommentare erwiderte Donald Trump während des Wahlkampfs, er hätte eben keine Zeit für „political correctness“. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass ihm schon die Zeit für Höflichkeit fehlt. Ob er irgendwann vielleicht wenigstens Normen des bürgerlichen Anstands und Fragen der Moral in seinen engen Terminplan integrieren können wird, bleibt derweil offen.
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"Finis Germania": Sieferles Werk und SPIEGELs Beitrag

Der „Spiegel“ hat „Finis Germania“ von seiner Bestsellerliste gestrichen. Seitdem ist der Titel wieder in aller Munde. Doch muss man es deshalb auch wirklich lesen? Nein. Es sei denn, man teilt die Phantom-Schmerzen des Autors.

 
Dem „Spiegel“ gebührt dieser Tage besonderer Respekt: Indem das Hamburger Magazin das mindestens umstrittene Sachbuch „Finis Germania“ des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle von der hauseigenen Bestsellerliste strich, hat sich das Blatt ein Eigentor geschossen, das ihm so schnell keiner nachmacht. Man wolle, so die offizielle Botschaft der Chefredaktion, den Verkauf des als antisemitisch, rechtsradikal und geschichtsrevisionistisch eingestuften Buchs „nicht befördern“. Dies gelte insbesondere insofern, als der Titel durch die Empfehlung eines „Spiegel“-Redakteurs auf der „Sachbuch des Monats“-Liste landete und damit überhaupt erst das Licht der öffentlich wahrnehmbaren Debatte erblickte.

Nun ist es zweifellos erfreulich, wenn der „Spiegel“, der erst neulich ein Ende der „Sonderbehandlung Israels“ forderte und mit Jakob Augstein eine Koryphäe auf dem Gebiet der angewandten Israelkritik im Repertoire hat, sich offensiv gegen Antisemitismus engagiert. Gleichzeitig liegt das Hamburger Magazin in diesem Fall mit seiner Diagnose allerdings auch nicht völlig daneben. „Finis Germania“ besteht zu etwa zwei Dritteln aus kulturpessimistischer Verzweiflung über die Zumutungen der Moderne. Das verbleibende Drittel wiederum versprüht feinsten Schuldabwehr-Antisemitismus – also Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Eine Spielform des Judenhasses, die in jedem Standard-Werk zum Thema unter dem Oberbegriff „Sekundärer Antisemitismus“ zu finden ist und sich vor allem in rituellen Entlastungs- und Relativierungsmanövern entfaltet. Besonders prägnant fasste es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix zusammen: Auschwitz werden die Deutschen den Juden niemals verzeihen.

Die Phantom-Schmerzen des Rolf Peter Sieferle

Denn nicht nur Massendemokratie und Massenkonsum trieben Sieferle um, sondern ebenso die vermeintliche „Kollektivschuld“ der Deutschen, die sich wie die Erbsünde über Generationen hinweg bis in die Gegenwart erstrecke. Eine Wahnvorstellung, die zwar nicht sonderlich sensibel, vor allem aber nicht besonders originell ist. Die NPD hat sie schon etwas länger unter dem Namen „Schuldkult“ im Programm. Doch auch das mittige Deutschland wärmt die These vom angeblichen Vorwurf einer „Kollektivschuld“ immer wieder gerne auf, etwa in der Frankfurter Paulskirche. Das Besondere an der „Kollektivschuld“-These besteht allerdings darin, dass niemand sie ernsthaft aufstellt – außer eben jenen, die „als Deutsche“ schon länger an der Vergangenheit leiden. Erfunden wurde sie nur deshalb, um sich anschließend umso empörter an ihr abzuarbeiten. Die Mär von der Kollektivschuld erfüllt daher einen wichtigen Zweck: Indem man sie gleich einem Pappkameraden in den Raum stellt und anschließend bestreitet, erfahren allen Sorgen, Bedürfnisse und Nöte, von Schlussstrichen über Relativierungen, einen legitimen Anstrich.

So ähnlich hält es auch Sieferle, für den schon Strafprozesse gegen NS-Verbrecher im besten Rentenalter als Beleg für die imaginierte Kollektivschuld-These gelten. Die Opfer der Shoa? „Ominöse sechs Millionen“. Das Erinnern an sich? Eine „neue Staatsreligion“. Leugner und Relativierer der Shoa befördert der Autor zu „untergründigen Freigeistern“, das Gedenken an sich deutet er wiederum zu ritueller Buße um, die niemals enden werde. So weit, so patinalastig. Von allem Dagewesenen hebt sich Sieferle höchstens im Bereich der praktischen Boshaftigkeit ab. Denn weil die Nationalsozialisten nicht irgendein Volk, sondern ausgerechnet große Teile des „auserwählten Volks“ in die Gaskammern schickten, seien ihm zufolge auch die Deutschen zu einem „negativ auserwählten Volk“ mutiert. Während aber die Deutschen bis in alle Ewigkeit in Sack und Asche gehen müssten und diesem Schicksal nur durch ihre Auflösung entkommen könnten, erdreisten sich die Juden, „ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten zu bauen, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird.“ Eine Frechheit sondergleichen also, aus der Sieferle messerscharf den folgenden Schluss zieht: „Die Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mußten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen.“ Was viele geplagte Germanen schon immer ahnten, wandelt sich an dieser Stelle allmählich zur Gewissheit: Die Deutschen sind die neuen Juden.

Hamburger Eigentore

Doch von alledem völlig unabhängig bleibt das Gegenteil von „gut“ bekanntlich „gut gemeint“. In Sachen „Spiegel“-Bestsellerliste wiederum erweist sich die Devise „Keine weitere Werbung!“ als Marketing-Coup des Monats. Erneut dominiert „Finis Germania“ nicht nur das Feuilleton und damit das Gespräch, sondern auch die vordersten Plätze des „Amazon“-Verkaufsrankings. Im Vergleich dazu fällt die Bilanz des „Spiegel“ deutlich magerer aus. Für den im sachsen-anhaltischen Schnellroda ansässigen Nischenverlag „Antaios“, wo „Finis Germania“ erschienen ist, mag negative PR gute PR sein. Zum „Spiegel“ wird man indes vermutlich nicht gerade deshalb greifen, weil er so schön unangenehme Schlagzeilen verursacht und sich in der Disziplin „Kreative Listenführung“ einen Namen gemacht hat.

Vertrauen ist die Währung des Journalismus. Vertrauen bekommt man nicht geschenkt, man muss es sich erarbeiten. Wenn das Magazin klammheimlich an seiner Bestsellerliste herumdoktert und einen Titel ins Nirwana schickt, entspricht das eher weniger einer vertrauensbildenden Maßnahme. Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich um ein linksextremes Pamphlet, eine salafistische Hetzschrift oder eben um antisemitisches „Schuldkult“-Gejammere handelt. Denn die Aufgabe der „Spiegel“-Bestsellerliste besteht darin, das abzubilden, was ist – und nicht das, was sein sollte. Für Letzteres gibt es bereits Empfehlungslisten, das „Literarische Quartett“ und das Meinungsressort. Wer sich als Journalist mit der Trennung von Fakt und Wunsch schwer tut, sollte vielleicht lieber eine berufliche Neuorientierung erwägen.

Hurra, wir leisten Widerstand!

In Folge dessen, und das wiederum ist ein anderes Thema, kommt es allerdings auch im Kreise der überzeugten und künftigen Sieferle-Leser zu interessanten Formationen. Zwar wurde „Finis Germania“ bereits landauf landab ausführlich besprochen, die wesentlichen Gedanken im Originalton zitiert. Nun allerdings wird die Bestseller-Causa hie und da als Gütesiegel, mindestens aber als Leseempfehlung für das Buch empfunden. „Man wird ja wohl noch selbst denken dürfen“ ist das Gebot der Stunde, „Eigentlich interessiert’s mich ja nicht, aber nachdem der ‚Spiegel‘ es gestrichen hat, musste ich es bestellen“, ist die Hintergrund-Musik, die in sozialen Medien und im Bereich der Amazon-Kundenrezensionen für ein prickelndes Ambiente sorgt. Was der „Spiegel“ „zensiert“, müsse folglich exzellente Ware, mindestens aber einer Bestellung würdig sein.

Das mag zunächst auch ein wenig einleuchten. Seit jeher verfügt das „Verbotene“ über einen ganz besonderen Reiz. Schon Kinder tun am liebsten das, wovon die Eltern ihnen abraten. Folgt man dieser Logik, müsste man allerdings auch umgehend zu den gesammelten Erinnerungen des Abu Bakr Al-Baghdadi oder den Bekenntnissen eines vermummten G20-Randalierers greifen, sobald derlei Werke das Schicksal von „Finis Germania“ ereilen würde. Ein Vorgehen, das der empörten Leserschaft im „Je Suis Sieferle“-Modus eher weniger zuzutrauen ist. Zwar hat der „Spiegel“ erfolgreich dafür gesorgt, dass der Titel nun erneut im Gespräch ist. Aber allein deshalb muss man es ja nicht zwingend besorgen oder seinen Autor mit Salman Rushdie verwechseln. Reine Neugier ist freilich kein Vergehen, Interesse an den Abläufen antisemitischen Denkens ebenfalls nicht. Doch wer seine Bestellung in Schnellroda mitunter zum „Akt der Widerstands“ befördert, hätte wohl kein Löschmanöver durch den „Spiegel“ benötigt. Er hätte so oder so zugegriffen. Das Hamburger Bestsellergate bildet vielmehr die Cocktail-Kirsche auf der Sahnehaube, die dem an sich eher schnöden Bestellvorgang konterrevolutionären Glamour verleiht. Man liest nicht nur, man „wehrt“ sich – zumindest gefühlt, aber das ist ja auch etwas Schönes.

Wem verdankt „Finis Germania“ seinen Erfolg? It’s the reader, stupid!

Ohnehin waren es schon die ersten Kritiken, die den Absatz des Buches erheblich beförderten. Gekauft wird also nicht bloß, was der „Spiegel“ nicht auf seiner Bestsellerliste sehen will. Allein das Label „Antisemitismus“, gepaart mit „völkisch“ und „geschichtsrevisionistisch“, scheint bereits ein überzeugendes Kaufargument gewesen zu sein. Ein Phänomen, das auch die „New York Times“, die sich bereits Anfang des Monats mit „Finis Germania“ befasste, zu erklären versuchte:

„When the German literary establishment unanimously denounced Mr. Sieferle’s work as an extremist tract, readers did not nod in agreement. They pulled out their wallets and said, “That must be the book for me.” This is a sign that distrust of authority in Germany has reached worrisome levels, possibly American ones.“

Gut möglich, dass der Verkaufserfolg von „Finis Germania“ rein gar nichts mit denen zu tun hat, die es kaufen, und dafür umso mehr mit den Medien, die es kritisieren. Dieser Logik folgend hätten die Literatur-Kritiker einfach mehr Rücksicht auf die zarten Seelen ihrer ohnehin schon ausreichend geplagten Leser nehmen müssen. Um das „Misstrauen“ nicht weiter anzufachen, sollten antisemitische Gedanken in Zukunft einfach nicht mehr als solche bezeichnet werden. Dann klappt’s auch wieder mit dem Leser.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass „Finis Germania“ in großen Teilen nicht trotz, sondern gerade wegen des Attributs „antisemitisch“ gekauft wurde. Nicht trotz, sondern wegen so stimulierender Formulierungen wie „Mythos Auschwitz“. Womöglich verhält es sich mit der Nachfrage nach Sieferles Werk gar so, wie mit den allermeisten Buchbestellungen auch: Man kauft es, weil man sich davon Antworten auf Fragen erhofft, die einen schon länger nicht loslassen, oder aber weil man die zu Grunde liegenden Annahmen selbst teilt. Weil man also durchaus Geschmack an Sieferles akademisch ummanteltem Schuldabwehrspiel gefunden hat und seine Schmerzen tendenziell teilt. Dementsprechend wäre auch die Ehrenrettung Sieferles, an der seine Leser nun arbeiten, weniger ein „Aufbegehren“ gegen eine mediale Bevormundung, sondern eher ein Akt der Selbstverteidigung. Antisemiten sind schließlich immer die anderen.

Vergangenheitsbewältigung nach deutscher Opferlammart

In diesem Fall wäre allerdings nicht nur die „Medienversagen“-Theorie der „New York Times“ dahin. Auch das heroische Movens, das die Lektüre umgibt, die trotzig anmutende Ausrede, wonach das Vorgehen des „Spiegel“ geradezu dazu zwingen würde, die schmale Schuldkult-Bibel zu kaufen, entfiele vollständig. Und das wäre ja auch irgendwie schade. Oder ernüchternd, je nach dem.

Allerdings ist die Karawane ohnehin längst in andere Sphären weitergezogen. Aktuell betrauert sie auf „Amazon“ die „moderne Bücherverbrennung“, derer der „Spiegel“ sich schuldig gemacht habe. Ein klarer Fall von „Antigermanismus“, wie er in „Finis Germania“ steht. Handelte es sich beim „Schuldkult“-Theoretiker Sieferle gar um einen „neuen Juden“? Kategorisch ausschließen wird seine Fangemeinde das sicher nicht.

Aber vielleicht ist all das auch nur eine Form der Vergangenheitsbewältigung – eine, an der nun insbesondere vom „Schuldkult“ geplagte Jammerdeutsche Gefallen finden dürften.

 
Erinnerung an die Opfer der Shoa? Eine perfide Strategie zur Zerstörung Deutschlands, so das Urteil der "Schuldkult"-Theoretiker
Photo Credit: Dnalor_01, CC-BY-SA 3.0

Zuerst bei den "Salonkolumnisten" erschienen.
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