"Sonst haben die Terroristen gewonnen!" - vom Sinn und Unsinn einer Parole

Zu den beliebtesten After-Terror-Parolen zählt mittlerweile die Ankündigung, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen. Beliebt ist sie vor allem deshalb, weil sie kämpferisch klingt und sich von jedem beliebig aufladen lässt. Sie sagt dementsprechend viel über die Zielscheibe des Terrors und wenig über die Terroristen selbst aus. Denn die am Gewinnen zu hindernden Terroristen haben mitunter ganz andere Vorstellungen hinsichtlich der Frage, wann sie gewonnen haben und wann nicht. Es gibt auch keine repräsentative Forsa-Umfrage über die Vorstellungen, die Terroristen zwischen Raqqa und Brüssel zum Thema Gewinn und Verlust haben. Naheliegend ist allerdings, dass die jeweiligen Terroristen in Spanien am vergangenen Donnerstag schon mal gewonnen haben. Wer sich zum Morden aufmacht und das auch schafft, der hat sein persönliches Etappenziel erreicht. Hindert man einen Terroristen daran, etwa indem man ein Fußballspiel aufgrund ernstzunehmender Hinweise absagt, dann hat der betreffende Mörder in spe erstmal verloren. Diejenigen, die das Fußballspiel sehen wollten, haben somit gewonnen, aber gleichzeitig auch ein Stück Lebensqualität verloren. Jene, die am nächsten Tag eigentlich auf ein Festival gehen wollten, es sich aufgrund solcher Vorkommnisse jedoch überlegen, auch.

Andere wiederum folgen der "jetzt erst recht"-Devise und leben weiter wie gehabt - "denn sonst hätten die Terroristen ja gewonnen". Das ist sicherlich keine falsche, vielmehr eine menschlich betrachtet sympathische Herangehensweise. Vor allem ist es aber eine individuelle Entscheidung, die nicht zur Maxime für alle erhoben werden sollte. Wer lieber nicht auf das Oktoberfest, auf ein Konzert oder eine Fanmeile gehen will, der sollte das auch so halten dürfen, ohne sich sagen lassen zu müssen, er hätte den Terroristen gerade einen Punktsieg verschafft. Andersrum wäre es schön, wenn die Fraktion der Warnenden nicht zuverlässig Häme über jenen auskippen würde, die sich ihre Lebensfreude eben nicht nehmen lassen wollen. Die einen halten's so, die anderen lieber so, leben und leben lassen - auch das wäre Ausdruck jener Toleranz, von der man so häufig hört.

Zweifellos klingt „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ besser als „Wir werden alle untergehen!“. Fatalismus gepaart mit Vorschlägen, die in die Sümpfe außerhalb des Rechtsstaats führen, ist keine sonderlich clevere Option - es sei denn, man glaubt ohnehin schon mehr an gestern als an morgen. Worte zählen, positive genauso wie negative. Es kommt bloß auch darauf an, wo sie fallen. Der Appell, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, kann auf gesellschaftlicher Ebene durchaus Sinn ergeben – vor allem jedoch an Orten wie Israel, wo der Terror so omnipräsent wie die Lebensfreude ist. Die Parole funktioniert deshalb, weil sie nicht im luftleeren Raum daher kommt, sondern mit der Gewissheit der Bürger verknüpft ist, dass die Behörden konsequent alles daran setzen, Terror zu verhindern. Aber Europa ist nicht Israel. Es könnte und sollte in dieser Beziehung höchstens mehr Israel wagen. Solange es jedoch Anis Amris gibt, solange nahezu jeder erfolgreiche Attentäter den Behörden bekannt war, solange es also noch nicht soweit ist wie in Israel, wo das „weiter so“ auf einem stabilen Fundament aus vielfältigen Sicherheitsmaßnahmen fußt - solange haftet dem Vorsatz, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, in Teilen auch der Nachgeschmack eines abgelaufenen Beruhigungsmittels an.

Haben Terroristen also gewonnen, wenn sich Europäer daheim verbarrikadieren? Manches spricht dafür, manches dagegen. Schäumen sie daheim im Kalifat vor Wut, wenn sie sehen, wie sich Touristen schon morgen wieder in Barcelona des Lebens erfreuen? Mag sein, eine hübsche Vorstellung wäre es definitiv. Vielleicht ist es ihnen aber auch egal, weil sie schon den nächsten Anschlagsplan aushecken.

Letztendlich ist es momentan ohnehin völlig irrelevant, welche Seite inwiefern und mit welchem Punktabstand gewinnt oder verliert. Denn da "Gewinnen" im Auge des Betrachters liegt, ist es schlicht kein Maßstab und keine sonderlich sinnstiftende Kategorie. Ziel sollte deshalb nicht bloß sein, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen". Das sollte man vorerst am besten ganz vergessen. Das Ziel sollte und muss viel eher sein, die Terroristen davon abzuhalten, das tägliche Leben im Westen objektiv zu beeinträchtigen und Menschen umzubringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erst danach kann man sich in diesen Breitengraden wieder über das Gewinnen unterhalten. Aus der Siegerperspektive nämlich.

Haben tatsächlich gegen Terroristen gewonnen: Team 6 der Navy Seals
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Alternative Selbstverständlichkeiten

Es gehört sicherlich nicht zu den Kernaufgaben eines amerikanischen Präsidenten, sich jedes Mal zu Wort zu melden, wenn ein paar Rand-Angehörige um die Ecke laufen oder mehrere Ränder gegenseitig aufeinander losgehen. Ein bisschen anders ist es möglicherweise, wenn Freunde der Hakenkreuz-Flagge eine Stadt regelrecht okkupieren und in bester Fackellaune ihre antisemitischen und rassistischen "Blut und Boden"-Fantasien kommunizieren, wie es nun in Charlottesville der Fall war. Und definitiv anders verhält es sich, wenn dieselben Zeitgenossen zusätzlich „Heil Trump!“ rufen, einer der ihren anschließend dem palästinensischen Car-Intifada-Trend folgend in eine Menschenmenge rast und dabei eine junge Frau tödlich verletzt. In diesem Fall könnte man von einem amerikanischen Präsidenten durchaus erwarten, dass er die verantwortlichen Extremisten klar beim Namen nennt, ohne dafür zwei Tage Zeit und jede Menge öffentlichen Druck zu benötigen. Naheliegend wäre auch, sich als Präsident insoweit von den Ereignissen zu distanzieren, als er den KKK-Liebhabern klar macht, dass er schlicht nicht ihr Mann ist und ihren Support weder möchte noch benötigt. Der amtierende Präsident brachte allerdings weder das eine noch das andere auf die Reihe.

Inzwischen hat es sich zwar herumgesprochen, dass Donald Trump kein „normaler Präsident“ ist. Aber die Maßstäbe, die man an den Führer der freien Welt anlegt, sind immer noch dieselben. Die neonazistische Weltanschauung zu verurteilen ist ungefähr der Inbegriff des Selbstverständlichen. Von Washington D.C. aus betrachtet verliert man dabei nichts. Es kostet wenig. Und es gibt praktisch keinen rational nachvollziehbaren Grund, es zu unterlassen. Viele Vertreter der GOP haben es auch geschafft. Nur Donald Trump selbst erweist sich als überfordert, wenn es darum geht, das Selbstverständliche zu tun.

Besonders raffinierte Anhänger des Trumpismus betonen nun zu seiner Verteidigung, dass es sich bei Neonazis schließlich nur um eine kleine und damit politisch unbedeutende Minderheit handelt. Das stimmt natürlich. Allerdings ist die Einflussarmut von Rassisten kein Naturgesetz. Vielmehr sind Neonazis auch genau deshalb eine Minderheit, weil die Mehrheit ihnen regelmäßig und unmissverständlich vermittelt, was sie von völkischen Ideen hält. Die Frage nach einer Welt ohne Rassisten stellt sich nicht. Entscheidend ist nur – wie bei allen anderen Extremisten übrigens auch -, dass sie eine möglichst gewaltfreie Minderheit bleiben, darum wissen und demzufolge nicht übermütig werden. Klare Worte eines Präsidenten wären dahingehend durchaus hilfreich. Wenn der Mann im Weißen Haus aber lieber Gewalt von „allen Seiten“ anprangert und damit sämtliche Rekorde der angewandten Äquidistanz bricht, vermittelt er den Fackelfreunden und denen, die (noch) heimlich mit ihnen sympathisieren, vor allem eines: jede Menge Morgenluft, getaucht in hellgrünes Licht.

Angesprochen auf einige seiner frauenfeindlichen Kommentare erwiderte Donald Trump während des Wahlkampfs, er hätte eben keine Zeit für „political correctness“. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass ihm schon die Zeit für Höflichkeit fehlt. Ob er irgendwann vielleicht wenigstens Normen des bürgerlichen Anstands und Fragen der Moral in seinen engen Terminplan integrieren können wird, bleibt derweil offen.
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"Finis Germania": Sieferles Werk und SPIEGELs Beitrag

Der „Spiegel“ hat „Finis Germania“ von seiner Bestsellerliste gestrichen. Seitdem ist der Titel wieder in aller Munde. Doch muss man es deshalb auch wirklich lesen? Nein. Es sei denn, man teilt die Phantom-Schmerzen des Autors.

 
Dem „Spiegel“ gebührt dieser Tage besonderer Respekt: Indem das Hamburger Magazin das mindestens umstrittene Sachbuch „Finis Germania“ des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle von der hauseigenen Bestsellerliste strich, hat sich das Blatt ein Eigentor geschossen, das ihm so schnell keiner nachmacht. Man wolle, so die offizielle Botschaft der Chefredaktion, den Verkauf des als antisemitisch, rechtsradikal und geschichtsrevisionistisch eingestuften Buchs „nicht befördern“. Dies gelte insbesondere insofern, als der Titel durch die Empfehlung eines „Spiegel“-Redakteurs auf der „Sachbuch des Monats“-Liste landete und damit überhaupt erst das Licht der öffentlich wahrnehmbaren Debatte erblickte.

Nun ist es zweifellos erfreulich, wenn der „Spiegel“, der erst neulich ein Ende der „Sonderbehandlung Israels“ forderte und mit Jakob Augstein eine Koryphäe auf dem Gebiet der angewandten Israelkritik im Repertoire hat, sich offensiv gegen Antisemitismus engagiert. Gleichzeitig liegt das Hamburger Magazin in diesem Fall mit seiner Diagnose allerdings auch nicht völlig daneben. „Finis Germania“ besteht zu etwa zwei Dritteln aus kulturpessimistischer Verzweiflung über die Zumutungen der Moderne. Das verbleibende Drittel wiederum versprüht feinsten Schuldabwehr-Antisemitismus – also Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Eine Spielform des Judenhasses, die in jedem Standard-Werk zum Thema unter dem Oberbegriff „Sekundärer Antisemitismus“ zu finden ist und sich vor allem in rituellen Entlastungs- und Relativierungsmanövern entfaltet. Besonders prägnant fasste es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix zusammen: Auschwitz werden die Deutschen den Juden niemals verzeihen.

Die Phantom-Schmerzen des Rolf Peter Sieferle

Denn nicht nur Massendemokratie und Massenkonsum trieben Sieferle um, sondern ebenso die vermeintliche „Kollektivschuld“ der Deutschen, die sich wie die Erbsünde über Generationen hinweg bis in die Gegenwart erstrecke. Eine Wahnvorstellung, die zwar nicht sonderlich sensibel, vor allem aber nicht besonders originell ist. Die NPD hat sie schon etwas länger unter dem Namen „Schuldkult“ im Programm. Doch auch das mittige Deutschland wärmt die These vom angeblichen Vorwurf einer „Kollektivschuld“ immer wieder gerne auf, etwa in der Frankfurter Paulskirche. Das Besondere an der „Kollektivschuld“-These besteht allerdings darin, dass niemand sie ernsthaft aufstellt – außer eben jenen, die „als Deutsche“ schon länger an der Vergangenheit leiden. Erfunden wurde sie nur deshalb, um sich anschließend umso empörter an ihr abzuarbeiten. Die Mär von der Kollektivschuld erfüllt daher einen wichtigen Zweck: Indem man sie gleich einem Pappkameraden in den Raum stellt und anschließend bestreitet, erfahren allen Sorgen, Bedürfnisse und Nöte, von Schlussstrichen über Relativierungen, einen legitimen Anstrich.

So ähnlich hält es auch Sieferle, für den schon Strafprozesse gegen NS-Verbrecher im besten Rentenalter als Beleg für die imaginierte Kollektivschuld-These gelten. Die Opfer der Shoa? „Ominöse sechs Millionen“. Das Erinnern an sich? Eine „neue Staatsreligion“. Leugner und Relativierer der Shoa befördert der Autor zu „untergründigen Freigeistern“, das Gedenken an sich deutet er wiederum zu ritueller Buße um, die niemals enden werde. So weit, so patinalastig. Von allem Dagewesenen hebt sich Sieferle höchstens im Bereich der praktischen Boshaftigkeit ab. Denn weil die Nationalsozialisten nicht irgendein Volk, sondern ausgerechnet große Teile des „auserwählten Volks“ in die Gaskammern schickten, seien ihm zufolge auch die Deutschen zu einem „negativ auserwählten Volk“ mutiert. Während aber die Deutschen bis in alle Ewigkeit in Sack und Asche gehen müssten und diesem Schicksal nur durch ihre Auflösung entkommen könnten, erdreisten sich die Juden, „ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten zu bauen, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird.“ Eine Frechheit sondergleichen also, aus der Sieferle messerscharf den folgenden Schluss zieht: „Die Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mußten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen.“ Was viele geplagte Germanen schon immer ahnten, wandelt sich an dieser Stelle allmählich zur Gewissheit: Die Deutschen sind die neuen Juden.

Hamburger Eigentore

Doch von alledem völlig unabhängig bleibt das Gegenteil von „gut“ bekanntlich „gut gemeint“. In Sachen „Spiegel“-Bestsellerliste wiederum erweist sich die Devise „Keine weitere Werbung!“ als Marketing-Coup des Monats. Erneut dominiert „Finis Germania“ nicht nur das Feuilleton und damit das Gespräch, sondern auch die vordersten Plätze des „Amazon“-Verkaufsrankings. Im Vergleich dazu fällt die Bilanz des „Spiegel“ deutlich magerer aus. Für den im sachsen-anhaltischen Schnellroda ansässigen Nischenverlag „Antaios“, wo „Finis Germania“ erschienen ist, mag negative PR gute PR sein. Zum „Spiegel“ wird man indes vermutlich nicht gerade deshalb greifen, weil er so schön unangenehme Schlagzeilen verursacht und sich in der Disziplin „Kreative Listenführung“ einen Namen gemacht hat.

Vertrauen ist die Währung des Journalismus. Vertrauen bekommt man nicht geschenkt, man muss es sich erarbeiten. Wenn das Magazin klammheimlich an seiner Bestsellerliste herumdoktert und einen Titel ins Nirwana schickt, entspricht das eher weniger einer vertrauensbildenden Maßnahme. Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich um ein linksextremes Pamphlet, eine salafistische Hetzschrift oder eben um antisemitisches „Schuldkult“-Gejammere handelt. Denn die Aufgabe der „Spiegel“-Bestsellerliste besteht darin, das abzubilden, was ist – und nicht das, was sein sollte. Für Letzteres gibt es bereits Empfehlungslisten, das „Literarische Quartett“ und das Meinungsressort. Wer sich als Journalist mit der Trennung von Fakt und Wunsch schwer tut, sollte vielleicht lieber eine berufliche Neuorientierung erwägen.

Hurra, wir leisten Widerstand!

In Folge dessen, und das wiederum ist ein anderes Thema, kommt es allerdings auch im Kreise der überzeugten und künftigen Sieferle-Leser zu interessanten Formationen. Zwar wurde „Finis Germania“ bereits landauf landab ausführlich besprochen, die wesentlichen Gedanken im Originalton zitiert. Nun allerdings wird die Bestseller-Causa hie und da als Gütesiegel, mindestens aber als Leseempfehlung für das Buch empfunden. „Man wird ja wohl noch selbst denken dürfen“ ist das Gebot der Stunde, „Eigentlich interessiert’s mich ja nicht, aber nachdem der ‚Spiegel‘ es gestrichen hat, musste ich es bestellen“, ist die Hintergrund-Musik, die in sozialen Medien und im Bereich der Amazon-Kundenrezensionen für ein prickelndes Ambiente sorgt. Was der „Spiegel“ „zensiert“, müsse folglich exzellente Ware, mindestens aber einer Bestellung würdig sein.

Das mag zunächst auch ein wenig einleuchten. Seit jeher verfügt das „Verbotene“ über einen ganz besonderen Reiz. Schon Kinder tun am liebsten das, wovon die Eltern ihnen abraten. Folgt man dieser Logik, müsste man allerdings auch umgehend zu den gesammelten Erinnerungen des Abu Bakr Al-Baghdadi oder den Bekenntnissen eines vermummten G20-Randalierers greifen, sobald derlei Werke das Schicksal von „Finis Germania“ ereilen würde. Ein Vorgehen, das der empörten Leserschaft im „Je Suis Sieferle“-Modus eher weniger zuzutrauen ist. Zwar hat der „Spiegel“ erfolgreich dafür gesorgt, dass der Titel nun erneut im Gespräch ist. Aber allein deshalb muss man es ja nicht zwingend besorgen oder seinen Autor mit Salman Rushdie verwechseln. Reine Neugier ist freilich kein Vergehen, Interesse an den Abläufen antisemitischen Denkens ebenfalls nicht. Doch wer seine Bestellung in Schnellroda mitunter zum „Akt der Widerstands“ befördert, hätte wohl kein Löschmanöver durch den „Spiegel“ benötigt. Er hätte so oder so zugegriffen. Das Hamburger Bestsellergate bildet vielmehr die Cocktail-Kirsche auf der Sahnehaube, die dem an sich eher schnöden Bestellvorgang konterrevolutionären Glamour verleiht. Man liest nicht nur, man „wehrt“ sich – zumindest gefühlt, aber das ist ja auch etwas Schönes.

Wem verdankt „Finis Germania“ seinen Erfolg? It’s the reader, stupid!

Ohnehin waren es schon die ersten Kritiken, die den Absatz des Buches erheblich beförderten. Gekauft wird also nicht bloß, was der „Spiegel“ nicht auf seiner Bestsellerliste sehen will. Allein das Label „Antisemitismus“, gepaart mit „völkisch“ und „geschichtsrevisionistisch“, scheint bereits ein überzeugendes Kaufargument gewesen zu sein. Ein Phänomen, das auch die „New York Times“, die sich bereits Anfang des Monats mit „Finis Germania“ befasste, zu erklären versuchte:

„When the German literary establishment unanimously denounced Mr. Sieferle’s work as an extremist tract, readers did not nod in agreement. They pulled out their wallets and said, “That must be the book for me.” This is a sign that distrust of authority in Germany has reached worrisome levels, possibly American ones.“

Gut möglich, dass der Verkaufserfolg von „Finis Germania“ rein gar nichts mit denen zu tun hat, die es kaufen, und dafür umso mehr mit den Medien, die es kritisieren. Dieser Logik folgend hätten die Literatur-Kritiker einfach mehr Rücksicht auf die zarten Seelen ihrer ohnehin schon ausreichend geplagten Leser nehmen müssen. Um das „Misstrauen“ nicht weiter anzufachen, sollten antisemitische Gedanken in Zukunft einfach nicht mehr als solche bezeichnet werden. Dann klappt’s auch wieder mit dem Leser.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass „Finis Germania“ in großen Teilen nicht trotz, sondern gerade wegen des Attributs „antisemitisch“ gekauft wurde. Nicht trotz, sondern wegen so stimulierender Formulierungen wie „Mythos Auschwitz“. Womöglich verhält es sich mit der Nachfrage nach Sieferles Werk gar so, wie mit den allermeisten Buchbestellungen auch: Man kauft es, weil man sich davon Antworten auf Fragen erhofft, die einen schon länger nicht loslassen, oder aber weil man die zu Grunde liegenden Annahmen selbst teilt. Weil man also durchaus Geschmack an Sieferles akademisch ummanteltem Schuldabwehrspiel gefunden hat und seine Schmerzen tendenziell teilt. Dementsprechend wäre auch die Ehrenrettung Sieferles, an der seine Leser nun arbeiten, weniger ein „Aufbegehren“ gegen eine mediale Bevormundung, sondern eher ein Akt der Selbstverteidigung. Antisemiten sind schließlich immer die anderen.

Vergangenheitsbewältigung nach deutscher Opferlammart

In diesem Fall wäre allerdings nicht nur die „Medienversagen“-Theorie der „New York Times“ dahin. Auch das heroische Movens, das die Lektüre umgibt, die trotzig anmutende Ausrede, wonach das Vorgehen des „Spiegel“ geradezu dazu zwingen würde, die schmale Schuldkult-Bibel zu kaufen, entfiele vollständig. Und das wäre ja auch irgendwie schade. Oder ernüchternd, je nach dem.

Allerdings ist die Karawane ohnehin längst in andere Sphären weitergezogen. Aktuell betrauert sie auf „Amazon“ die „moderne Bücherverbrennung“, derer der „Spiegel“ sich schuldig gemacht habe. Ein klarer Fall von „Antigermanismus“, wie er in „Finis Germania“ steht. Handelte es sich beim „Schuldkult“-Theoretiker Sieferle gar um einen „neuen Juden“? Kategorisch ausschließen wird seine Fangemeinde das sicher nicht.

Aber vielleicht ist all das auch nur eine Form der Vergangenheitsbewältigung – eine, an der nun insbesondere vom „Schuldkult“ geplagte Jammerdeutsche Gefallen finden dürften.

 
Erinnerung an die Opfer der Shoa? Eine perfide Strategie zur Zerstörung Deutschlands, so das Urteil der "Schuldkult"-Theoretiker
Photo Credit: Dnalor_01, CC-BY-SA 3.0

Zuerst bei den "Salonkolumnisten" erschienen.
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G20 und das Schaulaufen der Jammerlappen

Wenn gewaltaffine Linksextremisten rund um den G20-Gipfel in Hamburg ganze Stadtviertel lahmlegen, hat freilich jeder eine Meinung parat. Besonders interessant sind dabei die vielen Wortmeldungen, wonach es überaus bedauerlich sei, dass die gewalttätigen Ausschreitungen nun all die friedlichen und kreativen Proteste aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verdrängen würden. Hört man sich aber bei den nicht-gewaltbereiten G20-Phobikern um – alternativ bieten sich ebenso Katja Kipping oder Jakob Augstein an – dann überwiegt vor allem eines: Empörung über das Verhalten der Polizei, nicht etwa über die mannigfaltigen Verwüstungen durch das Treiben vermummter Straftäter. Nun fehlt mir tatsächlich jegliche praktische Protesterfahrung. Auch die Studie des Berliner „Instituts für Protest- und Bewegungsforschung“, die zum Thema produziert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

In einem Punkt bin ich mir nichtsdestotrotz relativ sicher: Wäre es meine Demo, die vom „Schwarzen Block“ zur Deckung genutzt und dementsprechend torpediert würde, und wäre es mein Anliegen, in dessen Namen radikale Straftäter Autos anzünden und Pflastersteine auf Polizisten werfen, dann wäre ich extrem erbost. So extrem erbost, dass ich mich nicht nur verbal stante pede davon distanzieren, sondern auch nebenan in der Praxis alle Hebel in Bewegung setzen würde, um diesen Irrsinn auf größtmöglichen Abstand zu halten.

Aber bei den gut gelaunten G20-Demonstranten herrscht offenbar ein etwas entspannteres Verhältnis zur Gewalt. Allem Anschein nach überwiegt dann eben der „gemeinsame Feind“; selbst wenn der weder über einen Tiefgaragenstellplatz noch über eine Vollkasko-Versicherung verfügt und stattdessen nur einen Kleinwagen besitzt – beziehungsweise besaß. Dabei ist die Gleichung denkbar simpel: je weniger „Schwarzer Block“, desto weniger Gewalt und desto niedriger der Polizeibedarf. Je weniger Vermummte, desto mehr Aufmerksamkeit für all die schicken „Capitalism kills“-Transparente und kreativen method-acting-Einlagen zugunsten des Klimas. Die friedlichen Widerständler haben es ein Stück weit selbst in der Hand, was aus ihren Plänen für eine bessere Welt werden soll: Entweder werfen sie sich weiterhin für pyromanisch veranlagte Randalierer in die Bresche und bejammern dabei ausgiebig ihr Schicksal, oder aber sie distanzieren sich konsequent von jeglicher Gewalt.

Spätestens an dieser Stelle ließe sich dann auch tatsächlich über all den Unfug diskutieren, den die pazifistischen gesinnten G20-Kritiker liebevoll auf ihre Plakate gemalt haben. Warum der Kapitalismus nicht tötet, sondern die durchschnittliche Lebenserwartung signifikant erhöht, beispielsweise. Oder über die Frage, weshalb man in den Breitengraden, in denen der angewandte Anti-Kapitalismus herrscht, nur selten „kreative Proteste“ zu sehen bekommt.

Allerdings wird es dieses Wochenende ohnehin nicht so weit kommen. Was prinzipiell okay ist – aber den Jammerlappen hinsichtlich der mangelnden Aufmerksamkeit sollte man im Kampf gegen das System dann wenigstens etwas sparsamer einsetzen.


"Occupy Wall Street" Demonstranten in San Francisco:
weniger gewaltaffin, genauso viel Unsinn auf den Plakaten (by J. N. Pyka)


Dieser Text erschien ebenfalls bei den Salonkolumnisten.
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Die Leiden der neuen Konservativen

Immer mehr Konservative haben immer weniger mit den Ideen zu tun, für die sie einstmals standen. Stattdessen klingen sie nicht nur wie Rudi Dutschke – sie übernehmen auch zunehmend Marotten des weltanschaulichen Gegners von links. Sie haben keine Ahnung, wofür sie sind, wissen stattdessen aber ziemlich gut, wogegen. Im Zuge dessen verbrüdern sie sich mit jedem, solange er nicht Merkel heißt, dafür aber gut „Merkel muss weg!“ rufen kann. Zurück bleibt nicht nur eine intellektuelle Leerstelle, in der sich die Ränder entfalten, sondern auch die Frage, ob der Konservatismus bloß einen Stresstest durchlebt oder durch einen Populismus sozial-nationalistischer Couleur ersetzt wird.
 
Lesezeit: länger als üblich 


In gewisser Hinsicht ist Donald Trump ein Genie. Mit Blick auf seinen neuen Job muss er zwar noch ein wenig üben. Das Krankenversicherungssystem überfordert ihn ebenso wie die Gewaltenteilung. Ohnehin scheint Politik im Allgemeinen nicht unbedingt sein Spezialgebiet zu sein. Und doch hat er es geschafft, in ihm völlig unbekannten Gefilden nichts Geringeres als eine kleine Revolution loszutreten. Denn seit seinem Debut auf der politischen Bühne ist von der „Grand Old Party“ der Reagans und Bushs – immerhin die einzige konservative Partei, die es in den USA gibt - erstaunlich wenig übrig geblieben. Der amerikanische Konservatismus sieht so aus, als wäre er einem Hurrican zum Opfer gefallen. Ob der amtierende Präsident wirklich an bestimmte politische Ideen oder bloß an sich selbst glaubt, ist dabei nach wie vor ungeklärt. „America first“ bleibt allerdings unabhängig davon das Gegenteil dessen, was die GOP einst ausmachte: Protektionismus statt Freihandel, Ablehnung der Einwanderungsgesellschaft statt klarem Bekenntnis zu ihren Vorzügen, „big spending“ statt „small government“.

Sein eigenes Land hält Donald Trump im Gegensatz zu all seinen Vorgängern nicht für großartig, sondern für ein düsteres Höllenloch, das zu lange von fremden Mächten, „Globalisten“, Mexikanern, Chinesen und lästigen Europäern übervorteilt und zerstört wurde. Nur er allein könne es wieder richten, für klassisch republikanische Vokabeln wie „liberty“ und das Individuum an sich bleibt daher wenig Zeit. Lieber sind ihm Autokraten, in deren Angelegenheiten er sich freilich nicht einmischen will. Staatsführer wie Vladimir Putin etwa, in dem Trump einen „great leader“ erkannt hat und dem er stets zuverlässig zur Seite springt, wenn dessen Ehre von hinterlistigen amerikanischen Geheimdiensten beschmutzt wird. Auf die russischen Geheimdienste und Wikileaks ist ohnehin mehr Verlass. Wäre der anfangs oftmals aufgestellte Ronald-Reagan-Vergleich eine Aktie, wäre sie spätestens an dieser Stelle im Keller gelandet. Donald Trump hat nicht nur gegen die Demokraten und Hillary Clinton, sondern auch gegen das Establishment der GOP mitsamt deren intellektuellen Erbes gewonnen. Seither steht der Trumpismus unter seinen Wählern hoch im Kurs. Unklar ist, ob er den Konservatismus nur kurzfristig abgelöst hat oder langfristig ersetzen wird.

Dabei ist der Trumpismus als Idee keineswegs eine amerikanische Erfindung. Seine Wurzeln hat er in Europa, wo das antiliberale Ressentiment seit je her dankbare Abnehmer findet. Das Erfolgsrezept des Kostüm-Republikaners Trump besteht aus einer ordentlichen Portion Front National, einem Hauch Viktor Orban und je einer Prise Wilders, Strache und Farage. Und doch bewegen sich amerikanische Trends stets zuverlässig in eine Richtung: Über kurz oder lang schwappen sie immer über den Atlantik. Dementsprechend macht der Trend zum ausgeprägten Facelifting auch vor dem Terrain des europäischen Konservatismus nicht halt. Teams sortieren sich um, neue Allianzen werden geschmiedet, alte wiederum entsorgt. Auch und vor allem in Deutschland, wo die Konservativen des Konservatismus‘ ein wenig überdrüssig erscheinen. Einstmals fest in der Christdemokratie verwurzelte Unions-Mitglieder verschreiben sich pegidaesk der Rettung des Abendlands, Sympathisanten George W. Bushs werfen sich für dessen Gegenentwurf Donald Trump in die Bresche. Während vehemente Kritiker der Israel-Kritik ihr Repertoire um Kritik der Höcke-Kritik erweitern und verstaubte „Schuldkult“-Thesen aufpolieren, erkennen bürgerlich Liberale in den Dresdner Wutbürgern tapfere Widerstandskämpfer, mit denen sich durchaus eine Partnerschaft „in crime“ einrichten ließe.
 

Konservatismus trifft auf Vulgär-Konservatismus


Nun hat der Konservatismus in Deutschland freilich einen eher schweren Stand. Die Christdemokraten im Geiste Adenauers sind weitestgehend unter der Erde, Angela Merkel punktet derweil zunehmend in grünen Gegenden. Übrig bleibt die AfD, die im europäischen Vergleich wie eine Spätgeburt erscheint. Emsig bemüht sie sich um das Label „konservativ“, erreicht dabei aber höchstens den Pegel des Vulgär-Konservatismus. Zwar sind viele Menschen der Ansicht, Angela Merkel sei die beste Wahlkämpferin der AfD. Immerhin hätte sie doch rechts der Mitte ein Vakuum hinterlassen, in dem sich nun Alexander Gauland und die Seinen breitmachen und heimatlosen Christdemokraten ein kuscheliges Zuhause bieten. Diese Theorie geht allerdings nur dann auf, wenn man große Teile des Adenauer’schen Erbes zu austauchbarem Beiwerk degradiert. Die zärtliche Zuneigung gegenüber Russland, das Liebäugeln mit markt-feindlichen Instrumenten und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ zählten jedenfalls nie zu den Haupt-Zutaten der klassischen Christdemokratie. Ginge es der AfD um eine Neuauflage der 90er-Jahre CDU, müsste sie sich bloß geregelte Zuwanderung, sichere Grenzen, weniger Alternativlosigkeit in der europäischen Währungspolitik und das klassische Familienmodell auf die Fahnen schreiben.

Stattdessen bietet sie aber ein Ticket ins Abendland mit voller staatlicher Verpflegung und putinistischen Annehmlichkeiten inklusive. Kritik an der Flüchtlingspolitik und der Fokus auf innere Sicherheit sind Konsens-taugliche Verpackungen für ein Gesamtpaket, in dem sich eine Gegenrevolution zu wesentlich Errungenschaften der Moderne verbirgt. Die AfD ist kein politischer Dienstleister, der sich auf den schnöden Vertrieb bestimmter politischer Maßnahmen beschränkt. Sie ist auch keine Zweck-Partei, die explizit darauf hinarbeitet, irgendwann überflüssig zu sein. Sie übt sich vielmehr in der Rolle des Revolutionsführers, der ein ganz neues Land verspricht und dessen Währung in Gefühlen, Sehnsüchten und urdeutschen Reflexen besteht. Ihr Anliegen ist nicht der Kurswechsel, sondern der Systemwechsel.

Auf zur Revolution!


Das Problem der AfD besteht indes darin, dass ihr das „Volk“ fehlt, welches für dementsprechende Wahlergebnisse sorgen könnte. Bei Umfragewerten von rund 8% ist eine Revolution derzeit eher nicht zu erwarten. Dennoch kann sie sich auf etliche Bewohner des einstmals konservativ-bürgerlichen Lagers verlassen – denn dort greift nun ebenfalls das Revolutionsfieber um sich. Ähnlich wie unter den Republikanern hat sich auch im Terrain zwischen CDU/CSU, FDP und AfD ein Klimawandel vollzogen, der bürgerliche Ideale und Prinzipien auf wundersame Weise abschmelzen lässt. Klassische Kernthemen wie das Eintreten für einer eher schlanken Staat und die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig Erhardt vermodern mittlerweile in den Akten. Berechtigte Kritik am Islam sowie an der Flüchtlingspolitik wiederum wurde soweit entstellt, dass sie nur noch wenig bis gar nichts mit dem ursprünglichen Kern zu tun hat. Die Fähigkeit, zwischen Problem und Krise, zwischen großer Herausforderung und Weltuntergang zu differenzieren, scheint irgendwo auf dem Weg vom Konservatismus zum Vulgärkonservatismus verloren gegangen zu sein.

Ersetzt wurde sie durch eine prickelnde Leidenschaft für Apokalypsen aller Art. Auch exotische Vergleiche stehen im Abendland hoch im Kurs: Deutschland 2017 fühlt sich wahlweise wie 1933 oder wie die DDR an, während man sich selbst die Tracht des „neuen Juden“ überwirft. Ausgehend von legitimer Kritik an linken Zeitgeisterscheinungen und großkoalitionären Fehlentscheidungen haben viele bürgerliche Stimmen irgendwann eine Ausfahrt genommen, die geradewegs in eine Sackgasse führt, in der eine Islamisierung bis morgen früh um zehn als einzig valide Zukunftsprognose gilt und Angela Merkel an allem schuld ist. Die Trennlinie zu Linken und Mittigen verläuft nicht mehr entlang unterschiedlicher Meinungen, sondern entlang grundverschiedener Wahrnehmungen der Realität. Einer Realität, die von einem Endzeitkampf gegen den Islam beherrscht wird und den Blick auf andere Bedrohungen – etwa die im Osten – vollends versperrt.

Mit Angela Merkel in der Echo-Kammer


Natürlich ist die Bundeskanzlerin keine Heilige, Kritik an ihr kein Frevel. Es gibt viele gute Gründe, ihre Politik kritisch zu betrachten - auch und vor allem aus klassisch konservativer Warte, von wo aus es etwas befremden muss, wenn die Chefin der Christdemokraten insbesondere links der Mitte populäre Ideen stibitzt. In den Sphären jedoch, in denen sich der „neue Konservatismus“ heimisch fühlt, ist Merkel-Kritik längst zu einer Kunstform mutiert, die ganz eigenen Gesetzen folgt. Die Kanzlerin, die von Linken und Mittigen schon zum „leader of the free world“ befördert wird, dient auf der anderen Seite als Projektionsfläche für alles, was auch Bürgerlichen mittlerweile Unwohl bereitet. Dazu zählt vor allem der als „dekadent“ und „wohlstandsverwahrlost“ empfundene Westen, dessen Stärken als Schwächen und dessen Schwächen als hinreichendes Argument für einen Systemwechsel gewertet werden. Gäbe es Angela Merkel nicht, die neuen Konservativen müssten sie glatt erfinden.

Nur so ist zu verstehen, warum die Bundeskanzlerin selbst an von gebürtigen Briten begangenen Terroranschlägen schuld ist. Lässt sie Asylbewerber unkontrolliert einreisen, steht die Welt kurz vor dem Untergang. Will sie Asylbewerber hingegen abschieben, überführt man sie des Opportunismus. Oder aber man stimmt einfach weiterhin einen Ton an, der so klingt, als würden nach wie vor zehntausend Menschen pro Tag die Grenze passieren. Denn der moderne Abendlandverteidiger zählt sich nicht nur zu einer besonders früh aufgewachten Minderheit unter schlafenden Deutschen. Er weiß auch bei jeder sich neu auftuenden Frage schon im Voraus, wo die Bösen und wo die Guten stehen. Eine ergebnisoffene Herangehensweise auf Basis dessen, was ist, liegt ihm oftmals genauso fern wie die Erkenntnis, dass der aufgeklärte Deutungsmarkt nicht nur „entweder oder“, sondern ebenso „sowohl als auch“ im Angebot hat.

My safe space is my castle


Und so gleichen die neuen konservativen Abendlandverteidiger immer öfter dem Zerrbild, das hysterische Linke einst mit viel Phantasie von ihnen zeichneten. Im Gegenzug borgen sie sich aber auch zunehmend Methoden und Marotten von ihrem weltanschaulichen Gegner, namentlich den Linken – Methoden und Marotten, die sie selbst ehemals leidenschaftlich aufspießten. Die Rhetorik eines Rudi Dutschkes etwa haben sie praktischerweise gleich in Gänze übernommen. Die „Umvolkung“ wiederum ist zum neuen Waldsterben geworden, unter Weltuntergang läuft nichts mehr. Wo Linke sich als Opfer des Kapitalismus, des Imperialismus oder schlicht der „Gesellschaft“ sehen, schickt man sich auch rechts der Mitte um den Opferstatus an. Der Glaube an das Individuum, das sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, hat ausgedient. Der moderne Kostüm-Konservative flüchtet derweil lieber in seinen „safe space“, von wo aus er ausgiebig sein Dasein in einer „DDR 2.0“ bejammert. Der Glaube an eine „Meinungsdiktatur“ mitsamt Bevormundung durch eine links-grüne Elite ist kein Stilmittel, sondern eine als real empfundene Option, die ihm den Schlaf raubt.

Man gruselt sich vor Frühsexualisierung an Schulen, hat aber nichts gegen den Vorschlag der AfD, „Familienkunde“ mit Fokus auf die Ehe in den Schulunterricht zu integrieren. Man empört sich über ein Fehlen objektiver Berichterstattung, fiebert aber dem (nun mehr verschobenen) Erscheinen von „Breitbart Deutschland“ - freilich ein Hort der journalistischen Objektivität - entgegen. Man legt sich für ein Ende der „politischen Korrektheit“ ins Zeug, wischt sich aber mit dem Jammerlappen die Tränchen ab, sobald Gegenwind aufkommt. Die neuen Konservativen stören sich eher weniger an Eliten oder einer „kulturellen Hegemonie“ an sich. Sie fürchten nicht Bevormundung per se, sondern lediglich Bevormundung durch die Falschen. Insgeheim träumen sie eigentlich nur selbst davon, Elite zu sein, Deutungshoheit zu beanspruchen, den Nanny-Staat zu okkupieren und anderen zu erklären, wie sie zu leben haben. Das ist selbstverständlich in Ordnung. Es hat nur wenig mit dem ur-liberalen, emanzipatorischen Reflex zu tun, den sich neue Konservative gerne ans Revers heften.

Mehr Erdogan wagen!


Überhaupt mutiert das liberale Antlitz mehr und mehr zur Staffage, hinter der sich die einstmals vergleichsweise notorische Intoleranz gegenüber allzu viel Autorität verflüchtigt. Ein Despot wie Erdogan wird sich zwar gemeinhin nicht auf sonderliche Sympathie von Seiten deutscher Neu-Konservativer verlassen können. Aber wenn er dann mal „den Richtigen“ einsperrt, kann sich das auch ganz schnell wieder ändern. Islam hin, Meinungsfreiheit her, ein „antideutscher Verräter“ wie der Journalist Deniz Yücel hat es schließlich nicht anders verdient – so der gar nicht so klammheimliche Freudentenor, der sich anlässlich Yücels Verhaftung im abendländischen Gefilde entfaltete.

Ähnlich verhält es sich mit Viktor Orban, über dessen „illiberale Demokratie“ sich schon mal hinwegsehen lässt, solange er tapfer als Posterboy der geschlossenen Grenzen und Antipode zu Angela Merkel die Stellung hält. Und auch Vladimir Putins Russland muss sich nicht vor Kritik derjenigen fürchten, die sich noch bis vor kurzem für den Universalismus der Menschenrechte aussprachen. Der Mann, der seine Nachbarn überfällt, in Syrien die Fluchtursache namens Assad unterstützt, Homosexuelle im eigenen Land drakonisch sanktioniert und allzu lästige Journalisten gelegentlich mit einer Kugel im Kopf belohnen lässt, kann sich unter Neo-Bürgerlichen auf latente bis offene Sympathie, mindestens aber auf einen großzügigen Weichzeichner mitsamt selektiver Wahrnehmung verlassen. Immerhin verteidigt er ja das Abendland vor der um sich greifenden Dekadenz westlicher Couleur. Sollten Putins Destabilisierungsversuche vollends fruchten, dürfte den konvertierten Konservativen zumindest der „Nützliche Idiot“ in Gold sicher sein.

Offenbar sind Diktatur und Autokratie eben nicht per se schlecht – zumindest nicht, solange lediglich „die Richtigen“ darunter leiden oder es wenigstens so aussieht. Linke Freunde der diktatorischen Internationalen sollten allmählich erwägen, sich warm anzuziehen: Ihre Monopolstellung im Bereich der angewandten Erbärmlichkeit scheint keineswegs mehr gesichert.

Von Trumpern, Anti-Trumpern und Anti-Anti-Trumpern


In den USA hat sich die politische Landschaft derweil rund um den Präsidenten völlig neu arrangiert. Neben den Vollblut-Trumpern, den Anti-Trumpern (beleidigte Demokraten) und den Never-Trumpern (deprimierte Republikaner) formiert sich inzwischen auch die „Anti-Anti-Trump-Front“. Ihr gehören wiederum republikanisch gesinnte Zeitgenossen an, die Donald Trump zwar nicht immer inhaltlich verteidigen können oder wollen, seine Kritiker aber noch wesentlich entsetzlicher als seine Taten finden. Das Spezialgebiet der Anti-Anti-Trumper besteht in der Kritik der Trump-Kritik. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn der Präsident ins Sperrfeuer der Demokraten, der Medien, des Geheimdienst-Ausschusses oder den Trägerinnen rosa-farbiger Häkelmützen-Trägerinnen gerät. Anti-Anti-Trumper zu sein ist folglich ein Fulltime-Job, der einige anspruchsvolle Pirouetten erfordert.

Zugegebenermaßen liegen Vertreter dieser Zunft mit ihrer Kritik nicht völlig daneben, wenn sich etwa in Washington D.C. antizionistische Feministinnen mit anderen Verächtern des Westens zusammentun, um gegen den Präsidenten mobil zu machen. Und doch stellt sich nach über hundert Tagen im Amt die Frage, ob pinke Häkelmützen, beleidigte Demokraten und gelegentlich zur Parteilichkeit neigende Journalisten ein größeres Problem sind als ein Präsident, der Geheimdienst-Informationen an den russischen Außenminister weitergibt und ein eher eigentümliches Verhältnis zur Gewaltenteilung pflegt.

Anti-Anti-Trumper sind immer dann in Top-Form, wenn sie sich auf der Metaebene bewegen. Zurück in der Realität fehlen ihnen hingegen die Worte, die sie mit geschickten Ablenkmanövern ersetzen. „But her emails!“, „What about Obama?“, der Verweis auf scheinheilige Linke und „Fake News“ wären nur einige Formationen, die Anti-Anti-Trumper mittlerweile perfekt beherrschen. Nicht wenige von ihnen haben offenbar noch nicht mitbekommen, dass ihr Messias nicht mehr der „underdog“ ist und ihre Partei sich aktuell nicht in der Opposition, sondern in der Verantwortung befindet.

Kritiker der AfD-Kritik, Meister der Meta-Akrobatik


Ähnlich verläuft die Frontlinie auch in Deutschland, wo sich Donald Trump, vor allem aber die AfD und Pegida auf Profis in Sachen Meta-Akrobatik verlassen kann. Komme, was wolle, und sei es auch ein zweiter Björn Höcke, ein dritter Wolfgang Gedeon oder gar ein Händler von Nazi-Devotionalien im Bundesvorstand – „die anderen“ in Gestalt von Angela Merkel, Heiko Maas, dem „links-grünen Mainstream“, arroganten Eliten mitsamt ihrer „Lügenpresse“ sind schlimmer. Immer. Vertreter der Kritik der AfD-Kritik machen sich im Gegensatz zu Anhängern der „Alternative“ nicht zwingend deren Programm zu Eigen. Sie sind lediglich der Ansicht, dass nichts entsetzlicher oder wenigstens ebenso entsetzlich wie diejenigen sein könnte, die sie zu ihrem Feindbild erkoren haben. Die Vorstellung, sowohl einem Alexander Gauland als auch einem Heiko Maas, ebenso einer Claudia Roth wie auch einem Donald Trump mit Skepsis zu begegnen, gilt als abwegig, wenn nicht gar als Verharmlosung des Status Quo. Ähnlich wie Linke, die auf Kriminalität unter Asylbewerbern mit Verweis auf brennende Flüchtlingsheime reagieren, sind auch die neuen Konservativen nicht imstande, Kritik der AfD stehen zu lassen, ohne sie mit einem großen „aber“ zu relativieren. Die politische Auseinandersetzung verwechseln sie mit einem DFB-Pokalspiel, in dem nur eines von zwei Teams gewinnen kann.

Dementsprechend läuft der Kostüm-Konservative auch nicht zwingend selbst bei Pegida mit. Vehement verteidigt er aber diejenigen, die es tun. Schließlich würden diese ja nur auf „widrige Umstände“ – Islamisierung, Flüchtlinge, Merkel, Maas - reagieren. Eine interessante These, die man schon aus dem linken Lager kennt, wo etwa ein Islamist selten wie ein eigenverantwortlicher Mensch, sondern wie ein Mündel erscheint, das sich ja lediglich gegen die Zumutungen „der Gesellschaft“ wehrt. Wo die Linke den Arbeiter gegen den Migranten ausgetauscht hat, den es paternalistisch zu instrumentalisieren gilt, entdeckt nun der Konservatismus im „kleinen Mann“ ein Subjekt, das sich vorzüglich in die eigene Privat-Revolution einfügen lässt. 

Groß im „dagegen“, klein im „wofür?“


Im Laufe der Zeit haben zahlreiche Neu-Konservative ihre Prioritätenskala einem kompletten Relaunch unterzogen. Das Bekenntnis zum Westen, zur liberalen Weltordnung, zum Individualismus, zur transatlantischen Partnerschaft und zum Parlamentarismus ist auf die hinteren Plätze gerückt, während die Opposition zu allem, was als links gilt, ganz weit oben rangiert. Entscheidend ist mittlerweile nicht mehr die Frage nach dem „Wofür?“, sondern nach dem „Wogegen?“ - eine Strategie, die schon die Protagonisten der „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik anwandten und damit das Klima schufen, in dem sich die Nationalsozialisten entfalten konnten. Im Zweifel verbrüdert man sich heute mit jedem; Hauptsache, er heißt mit Nachnamen nicht Merkel und kann stattdessen gut „Merkel muss weg“ rufen. Legitim ist dabei alles, was „die Richtigen“ ärgert. Eine praktische Devise, die theoretisch auch eine Allianz mit Holocaust-Leugnern und National-Bolschewisten ermöglicht.

Überhaupt hat der neue Konservatismus ein wenig vergessen, wofür er einstmals stand. Seiner Kritik das Eigene gegenüberzustellen, ist ihm zu lästig geworden. Kritik am Islam etwa bedeutet für ihn nicht mehr zwingend Kritik an einer Ideologie, die das Individuum verachtet und mitunter gewaltsam zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet. Stattdessen mutiert sie zu einem Rundum-Wohlfühlpaket, in dem sich breit angelegte Kritik an der Moderne verbirgt. Liberale Gesellschaften gelten dem Abendland-Verteidiger per se als zu schwach. Deren Ringen um Balance zwischen Freiheit und Sicherheit interpretiert er als dekadentes Hobby einer abgehobenen Elite. Dem politischen Islam werden nicht mehr die Errungenschaften des Westens, der Individualismus und die Freiheit an sich entgegengestellt, von denen bekannt ist, dass sie am Ende noch immer gesiegt haben. An die Überlegenheit des Bikinis gegenüber der Burka glaubt der neue Konservatismus gar nicht erst. Seine Prinzipien hat er indes liebevoll durch Fatalismus und Kulturpessimismus ersetzt. Wichtiger als kleine Schritte hin zum Positiven sind ihm sein Feindbild und ausgiebiges Recht-haben um jeden Preis.

 

„Gegen links“ ist das neue „konservativ“


Dem weltanschaulichen Gegner setzt der jammerdeutsche Konservative nun bevorzugt eine üppige Portion Nihilismus entgegen. Man ist nicht mehr gegen links, weil links als teilweise wenig progressiv, stattdessen aber als latent autoritär und anti-aufklärerisch entlarvt wurde. Man ist nicht mehr gegen links, weil Linke den eigenen Idealen diametral gegenüber stehen – zumal deren Steckenpferde ja ohnehin schon in den eigenen Stall integriert wurden. Im Grunde ist man nur noch deshalb gegen Linke, weil sie eben links sind. Und damit erstmal automatisch für alles, was Linke an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt. „Gegen links“ ist das neue „konservativ“. Der Kampf gegen links dient keinesfalls einem höheren Zweck, sondern mutiert allmählich zum Zweck an sich. Zu einem imaginären Endzeitkampf, der nicht der Verteidigung eigener Werte, sondern bloß der Abwehr gilt.

Die Protagonisten des Vulgär-Konservatismus beeindrucken im Zuge dessen vor allem durch moralische Flexibilität. Fraglich bleibt daher auch, inwiefern ihr einstiges Bekenntnis zu bestimmten Idealen überhaupt jemals ernst zu nehmen war, oder aber lediglich ein nice-to-have darstellte, das zur gegebenen Zeit als brauchbar, generell jedoch als austauschbar galt.

Nun scheint es ein grundlegender Betriebsfehler des Menschen zu sein, dass er sich stets leichter gegen als für etwas mobilisieren lässt. Die Irrungen und Wirrungen zwischen Mitte und rechten Grenzgebieten zeugen allerdings nicht bloß von einer ideellen Kernschmelze. Sie bieten darüber hinaus auch den Ideologen, die an den Rändern aktiv sind, den notwendigen Sprit. Denn diejenigen, die hinsichtlich des „Wofürs“ klare Vorstellungen haben, wissen ziemlich gut, wie sie sich das Unmutspotential der nicht mehr ganz so konservativen Grenzgänger zunutze machen. Was zwischen den Grenzen als pessimistische Hoffnungslosigkeit daher kommt, haben die Steven Bannons und identitär Bewegten schon etwas länger zu Ende gedacht. Wo der neue Konservatismus gegen die Dekadenz des Westens polemisiert und den Kampf gegen den politischen Islam schon als verloren gegangen bewertet, öffnen sich die Türen hin zum Widerstandsgedanken und zum Systemwechsel, auf den die Ränder hinarbeiten. Der jammerdeutsche Abendlandverteidiger avanciert zum nützlichen Idioten der Radikalen, die bislang bloß davon träumten, ihre Ideen im bürgerlichen Spektrum verankern zu können.

Was vom Konservatismus übrig bleibt


Zurück bleibt die Frage nach dem Konservatismus an sich und seinen ideellen Überresten; ob er nur einen Stresstest absolviert oder nicht doch in einem Populismus sozial-nationalistischer Prägung aufgehen wird, der wenig mit den ursprünglichen Werten des konservativ-bürgerlichen Lagers zu tun hat. Auch in diesem Bereich sind die Amerikaner dem Kontinent einen Schritt voraus. Dort laufen sich die dahingehend durchaus erfahrenen Republikaner schon für die nahenden Mid-Term-Elections warm. Überaus viel versprechen sie sich dabei davon, die anstehenden Wahlen in ein Referendum über die etablierten Medien zu verwandeln. „Fake News“ wird ein zentrales Kampagnen-Thema sein. Nur selten hat es auf intellektueller und ideeller Ebene eine attraktivere Bankrott-Erklärung gegeben. Wo man einstmals für niedrigere Steuern ins Rennen, wird nun gegen eine Institution freier Gesellschaften mobil gemacht. Zurück bleibt eine Leerstelle, die vormals von klassischen GOP-Idealen gefüllt wurde. Donald Trump und seine Partei stehen nicht für Ideen. Vielmehr fungieren sie als Allzweck-Waffe gegen „den Feind“, die sich je nach Belieben und Tagesform aufladen lässt.

Erste Schritte unternahmen die Trumpisten dahingehend bereits Anfang des Jahres, als in Maryland die „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) – das Mekka der US-Konservatismus - stattfand. Wo sich die Teilnehmer noch vor einem Jahr gegen einen Besuch Donald Trumps verwahrten (schließlich sei dieser ja kein Konservativer) und den Populismus in Breitbart-Manier als Bedrohung werteten, wurden heuer sowohl der Präsident als auch Steven Bannon unter großem Jubel empfanden. Auf das ideelle Fundament und dessen Wandel angesprochen, erwiderte der amtierende CPAC-Initiator Matt Schlapp, die Trump Anhänger seien eine wundervolle Ergänzung der konservativen Bewegung. Schließlich würden sie dabei helfen, zu gewinnen.

Die Frage ist nur, um welche Ideale und Ideen es beim Gewinnen überhaupt noch geht. Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantik.
 
Land of the free, Zweigstelle Kalifornien - diesmal Revolutions-freie Zone

Dieser Text erschien auch bei den Salonkolumnisten.
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Germanische Prioritäten

Die Damen und Herren bei "arte" weigern sich schon seit fünf Monaten, eine Reportage über modernen, Israel-bezogenen Antisemitismus auszustrahlen, weil sie allem Anschein nach nicht in ihr Weltbild passt. Zu "proisraelisch", könnte "Öl ins Feuer gießen" - so die Diagose der Verantwortlichen, die offenbar mehr Glatze und weniger Israel erwartet hatten und nun plötzlich etwas ganz anderes bestellt haben wollen. Was man sich schon nicht selbst zumuten will, kann man unmöglich dem Zuschauer vorsetzen. Solange bleibt nur, sich auf die Berichte derjenigen zu verlassen, die den Film sehen konnten (etwa hier).

Derweil ist auch beim NDR einiges los. Auf Platz 9 der hauseigenen "Sachbuch des Monats"-Liste gelangte jüngst ein Büchlein namens "Finis Gemania", dessen Autor sich ganz offenkundig irgendwo zwischen Angela Merkels Flüchtlingspolitik, einer Art "Umvolkung" und Auschwitz verlaufen hat. Die Opfer der Shoa tituliert er liebevoll als die „ominösen sechs Millionen“. Auschwitz selbst sei ein "Mythos, der der Diskussion entzogen werden soll“. Die Juden wiederum bauen ihm zufolge "heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird".

Empfohlen wurde die Abhandlung im Übrigen von einem SPIEGEL-Redakteur, in dessen gewohntem Umfeld man ja ohnehin schon neulich ein Ende der "Sonderbehandlung" Israels anregte. Die NDR-Hitlisten-Jury hat er aber mittlerweile verlassen. Nicht allerdings, ohne darauf hinzuweisen, er habe "bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen“ wollen. Es sei immerhin "gewollt riskant formuliert", außerdem würde man gern "über jeden Satz mit dem Autor diskutieren".

Was natürlich ein legitimes Anliegen ist. Warum nicht mal wieder über den "Mythos Auschwitz" diskutieren, gerne mit ein bisschen mehr Risiko? Auch wenn Deutschland im Allgemeinen nicht unbedingt zum hitzigen Debattieren neigt, so bieten die Juden doch stets angenehmen Gesprächsstoff. Seien es die toten oder die lebenden; diejenigen, die den Palästinensern so zu schaffen machen, oder aber solche, denen die vom "Schuldkult" geplagten Deutschen gemeinhin zum Opfer fallen.

Nur bei Diskussionen und Berichten rund um Antisemiten wird es seltsamerweise stets ein wenig ruhig. Aber sei's drum. Man muss eben auch mal Ausnahmen machen.

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Rock im Kleingeist: Über freie Unternehmer und Terrorwarnungen

Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun. Und damit ihnen beim nichts-zu-haben bloß nicht die Füße einschlafen, investieren manche von ihnen ihre überschüssige Energie in Platzhalter-Diskussionen auf Twitter und Facebook. Das ist in Ordnung. Auch dann, wenn die Diskussionen zu nichts führen. Immer öfter sagen Unternehmungen dieser Art allerdings relativ wenig über das Sujet der Diskussion und stattdessen viel über diejenigen aus, die sie führen. Jüngstes Beispiel: die Empörung über Marek Lieberberg und dessen Ansprache vor Journalisten, nachdem "Rock am Ring" wegen Terrorgefahr unterbrochen werden musste. Er wolle "nun endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten", sagte er unter Verweis darauf, in dieser Hinsicht noch keine Massen-Demos von Muslimen erlebt zu haben. Zudem sprach er noch weitere Aspekte an, etwa die Kooperation mit der Polizei und das Versagen im Fall Amri, für das Veranstalter wie er "den Preis zahlen" würden. Doch die gingen daneben völlig unter. "Marek Lieberberg sollte sich entschuldigen", fordert etwa "bento", das Magazin für noch auszubildende SPIEGEL-Leser. Denn nun, da das Festival ja weitergeht, bliebe nurmehr seine "absurde Wutrede hängen".

Was bento und all die eifrigen Twitterer indes nicht völlig durchschaut haben: Marek Lieberberg ist kein AfD-Mann und kein Wutbürger-Buch-Autor, der solche Fälle bewusst für seine Ziele instrumentalisieren würde, sondern Unternehmer. Er hat nichts davon, wenn die AfD sein Statement gut findet. Er hat aktuell nur den Schaden. Als Unternehmer hat er natürlich auch eine politische Meinung, und man möge ihm verzeihen, dass er sie in einer solchen Situation nicht so differenziert und wohlklingend transportiert wie eine Katrin Göring-Eckardt (wobei es faktisch leider zutreffend ist, dass der Gaza-Krieg 2014 mehr Muslime auf die Straße brachte als die Köpfungs-Zeremonien des IS).

Es gibt allerdings tatsächlich etwas, das unbedingt "hängen bleiben" sollte. Das ist aber nicht Lieberbergs Statement in Bezug auf den angewandten Islam, sondern seine "Brille", nämlich die des Unternehmers, die in seiner sogenannten "Wutrede" durchaus durchklang. Man muss sie eben nur hören wollen.

Der durchschnittliche Terrorist des 21. Jahrhunderts plant nicht mehr das "große Ding". Er fliegt heute nicht aufwändig orchestriert in Hochhäuser, sondern besorgt sich eine Axt und steigt damit in einen Regionalzug. Er nimmt "weiche Ziele" ins Visier, zu denen dann eben auch Cafés und ein Halbmarathon zählen. Wenn ein Djihadist mit dem Auto in eine Menschenmenge rast, wird man zu recht fragen, ob man das nicht verhindern hätte können. Adressat ist aber nicht der Bürgersteig, auf dem das passiert, sondern die Polizei. Wenn eine U-Bahn-Station oder ein Flughafen-Terminal wegen eines verdächtigen Gegenstands geräumt werden, gibt es ebenfalls keinen solchen Adressaten. Der Betreiber ist am Ende der Staat, zu dessen Organen auch die Polizei zählt.

Anders ist es, wenn der Terror Events oder Ziele trifft, die von privater Hand betrieben werden. Zumindest bei Großveranstaltungen oder sensiblen Zusammenkünften ist die Polizei mit an Bord. Aber am Ende sind es eben auch Unternehmer wie der Besitzer des "Bataclan", der Konzerthallen-Betreiber in Manchester oder der Chef von "Rock am Ring", die an vorderster Front stehen, Risiken eingehen und im Ernstfall persönlich (mit)haften. Sie tragen eine immense Verantwortung nicht nur für sich selbst und ihre Angestellten, sondern ebenso für all die Besucher. Selbst mit der besten Versicherungs-Police bleibt ihnen ein Schaden, für den sie nichts können.

Unternehmer - das sind auch solche Menschen, die die Lebensfreude erst ermöglichen, die "wir uns von den Terroristen nicht nehmen lassen" sollen. Und selbst wenn es für Menschen, die ihre Wirtschafts-Kenntnisse von Hagen Rether und anderen Kapitalismus-Kritikern beziehen, zunächst unvorstellbar klingt: Ein Unternehmer kann genauso mit Leib und Seele bei der Sache sein wie ein jubelnder Konzert-Besucher.

Besonders clevere Zeitgenossen stellen nun fest, dass man bei Events wie "Rock am Ring" ja genauso Pech mit dem Wetter haben könne und bereits hatte. Sturm, Hagel, Terror, alles das Gleiche. Es gebe eben Risiken, mit denen man als Unternehmer leben müsse, betont die (vermutlich vornehmlich fest angestellte) Twitter-Gemeinde. Das stimmt natürlich gewissermaßen. Wiesn-Wirte müssen damit rechnen, dass ein verregnetes Oktoberfest den Umsatz verhagelt. Schaustellern auf dem Weihnachtsmarkt geht es ähnlich. Und jeder Unternehmer weiß, dass es immer Risiken gibt - sonst wäre er keiner. Aber will man Terrorismus ernsthaft in eine Reihe mit Unwettern stellen und somit als höhere Gewalt abhaken? Soll man als Unternehmer genauso mit einer Nagelbombe wie mit Hagel rechnen?

All das mag die Vorstellungskraft eines Empörten, dessen Erfahrungen mit dem freien Unternehmertum sich auf einen Garagen-Flohmarkt beschränken, womöglich etwas überschreiten. Weniger bräsige Kleingeistigkeit und mehr Problembewusstsein sowie Empathie hinsichtlich der Frage, wie Unternehmer mit der Bedrohung durch den Terror umgehen können, wäre dennoch ganz wünschenswert gewesen.


Dieser Text erschien ebenso bei den Salonkolumnisten.
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Dicke Luft auf der Atlantikbrücke. Oder auch: Wie man eine gute Idee zersägt

Dass die Tiefen des Sommerlochs offenkundig doch noch nicht erreicht sind, erkennt man daran, dass neben Margot Käßmann, Helene Fischer und Aldi-Nackensteak auch noch Donald Trump sowie dessen Ansichten über Deutschland und die Nato im hiesigen Befindlichkeitskosmos Platz nehmen. Nun kann man sich natürlich lange und ausgiebig darüber streiten, welche Seite sich warum unpassender benimmt und weshalb das jeweils eigene Team so viel überlegener als das andere ist. (Meine Vermutung: Sowohl Trumps Verständnis von westlicher Partnerschaft als auch der sozialdemokratische Antiamerikanismus samt deutscher Knauserigkeit in puncto Verteidigung sind eher wenig erbaulich.)

Man kann sich aber auch die Frage stellen, wie diese Diskussion dort ankommt, wo man ihre Implikationen am ehesten spürt. Zum Beispiel in Polen, das tatsächlich ein deutscher Nachbar ist, während SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lieber Russland zu "unserem Nachbarn" befördert (ob aus Ermangelung eines Diercke-Atlasses oder in latent eurasischer Euphorie, sei dahingestellt). Oder nordöstlich von Polen, wo die drei baltischen Staaten gut Gründe haben, nicht an den Mythos von den "guten Beziehungen zu Russland" zu glauben. Beruhigend ist, dass Nato-Truppen nach wie vor in allen vier Staaten präsent sind. Schön anzusehen ist zudem, dass Vize-Präsident Pence und Verteidigungsminister Mattis ihre Solidarität bekunden. Mindestens ungewöhnlich ist aber auch, dass der Commander-in-Chief selbst die Nato ausschließlich mit "Schulden" und Terrorismus assoziiert, während er gleichzeitig den Russen gegenüber Geheimdiensterkenntnisse herausposaunt und die russische Einflussnahme im Wahlkampf kaum benennen kann, geschweige denn etwas zur Prävention zu tun gedenkt. (Dass er damit Obama, dessen Isolationismus das russische Selbstbewusstsein wesentlich aufpäppelte, näher ist, als er denkt, ist daneben eine weitere Pointe.)

Was können diese vier Staaten also aus den transatlantischen Neurosen lernen? Was dürfen sie erwarten, nachdem ihr bedrohlichster Feind eben nicht in einer Hinterhof-Moschee, sondern hinter der eigenen Grenze lauert? Und auf wen oder was sollen sie sich verlassen? Auf Deutschland, das so gerne neutral wäre und wo vor allem die SPD lieber gestern als heute "mehr Russland" wagen würde? Auf Donald Trump, dessen offenkundig kompliziertes Verhältnis zu Artikel Fünf des Nato-Vertrags sie eben viel eher trifft als das vergleichsweise sicher eingebettete Deutschland? Im schlimmsten Fall auf sich selbst. Im besten Fall hingegen darauf, dass der Westen es gerade noch hinbekommt, eine seit rund sieben Jahrzehnten relativ gut funktionierende Friedensordnung, von der am Ende alle Beteiligten profitieren, nicht eigenhändig zu zersägen.

Mieses Wetter kommt vor. Auch über dem Pazifik. Dahinter irgendwo Sonne. (© J. N. Pyka)

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