Wenn der Österreicher ohne deutsche Betreuung sein Kreuz macht

An dieser Stelle ein Geständnis: Ich habe nicht den blassesten Schimmer hinsichtlich österreichischer Innenpolitik. Streng genommen ist es mir auch ein bisschen egal. Die Österreicher, so mein Eindruck, hängen da im Großen und Ganzen mehr der Philosophie des systematischen Durchwurschtelns an. Meine Unwissenheit wiederum ist aber gar nicht schlimm. Denn in Deutschland gibt es nun nicht nur 82 Millionen Israel-Experten, sondern auch ganz viele FPÖ-Spezialisten, die mir den Ernst der Lage nachhaltig erklären.

Einen davon konnte man neulich bei Markus Lanz begutachten. Seinen Namen habe ich vergessen, seine Brötchen verdient er jedenfalls bei der "heute show" im ZDF. Im Rahmen dessen, so erzählte er bei Lanz, war er neulich in Wien. Dort traf er freilich ganz viele nette Nazis, über die man ganz viele nette Witze machen kann. Und zum krönenden Abschluss traktierte er in einem Restaurant noch ein Original Wiener Schnitzel, so dass es hinterher wie ein Hakenkreuz aussah. Darüber lachten dann alle, mit Ausnahme des Falco-Managers Hans Mahr, der einen Talk-Sessel weiter rechts (jawohl!) saß. "Da kommt wieder ein bisschen der Schnürlschuh bei euch durch", merkte er in anbetungswürdiger Weise an. Worüber natürlich niemand so intensiv wie über das Führer-Schnitzel lachen konnte.

Einen Tag später ging es mit dem Wehren der Anfänge bei "aspekte" weiter. Ein neuer Film über Stefan Zweig wurde vorgestellt, anschließend folgte bedeutungsschwangeres Talken mit der Regisseurin. Was Zweig wohl über die Situation heute gedacht hätte, mit all den Grenzen und all den starken Männern? Immerhin war Stefan Zweig ja auch ein Flüchtling. Und nun eben die Wahlen in Österreich. "Würde er Österreich wieder verlassen wollen?", fragt der Moderator. Die Regisseurin wirft ihre Stirn in Falten: "Ich finde, das ist zumindest eine berechtigte Frage. Ob Österreich, ob Deutschland neben antiislamistisch tatsächlich auch wieder antisemitisch werden könnte. Vielleicht ist Deutschland die allerletzte Bastion, die in Europa fällt." Ja, das wäre in der Tat ein hübscher Gedanke. Erst veranstalten wir Massenmord im industriellen Stil und überfallen andere Länder, heute verteidigen wir stolz unser freundliches Gesicht und nehmen nicht nur die verlorenen Seelen aus Syrien, sondern vielleicht auch bald die aus Vorarlberg und dem Zillertal auf.

Und nun lese ich gerade einen herzzerreißenden Appell aus der "Huffington Post", der ein bisschen nach der Sorte Pädagogik klingt, die wir als FPÖ-Experten unseren duseligen Nachbarn schon seit den vorangegangen Wahlen verabreichen.

"Liebes Österreich! Heute wird gewählt bei Dir. Normalerweise sind Wahlen die Feiertage der Demokratie. Doch irgendwie ist mir derzeit nicht nach Feiern zumute. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Erstmals seit langem könnte ein Rechtspopulist zum Staatsoberhaupt eines westeuropäischen Landes gewählt werden. Das Beste, was uns heute passieren kann ist, dass das Schlimmste nicht eintritt. Und das sind ziemlich beschissene Aussichten. Das sage ich nicht als Deutscher, sondern als Europäer."

Ja, so sind sie, die Deutschen. Immer in Sorge, dass die Amerikaner, die Israelis, die Briten, und nun eben auch die Österreicher irgendwas falsch machen könnten, sofern wir ihnen nicht zur Seite stehen. Und falls sich irgendwo im zweiten Untergeschoss des Unterbewusstseins doch der Verdacht rühren sollte, dass man womöglich gerade in alte Muster zurückfällt, dann gibt es einen fabelhaften Trick: Man belehrt nicht mehr als Deutscher, sondern als Europäer. Was die anderen Europäer dazu sagen, ist schließlich egal. Und was die Österreicher von den Deutschen, pardon, Europäern unterscheidet, ist vor allem eines: Sie nehmen diese Wahlen offenkundig bei Weitem nicht so ernst wie wir.

Insofern bleibt nur noch ein dringender Appell an meine Landsleute: Bitte nicht nach 17 Uhr in Wien einmarschieren, auch wenn die Küche dort noch so verlockend ist. Die Österreicher kriegen das mit dem Kreuz und dessen Folgen auch allein hin. Ganz bestimmt.


Bleibt bezaubernd, egal wer einzieht: die Wiener Hofburg
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Ein i,Slamistisches Gedicht für Manuela Schwesig

 

Manuela Schwesig und die jungen i,Slamisten – von Poesie gegen Israel und Dichtern im Dienste der Demokratie

Schon länger spekuliert man hierzulande gern und leidenschaftlich darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dabei ist die Frage völlig überflüssig. Es wäre höchstens interessant, zu wissen, ob der Islam zu Deutschland gehören will. Davon abgesehen ist er aber längst angekommen und besetzt emsig jede sich auftuende Nische. In Berlin ereignet sich jedes Jahr die Islam-Konferenz. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, findet in jeder zweiten Talk-Show statt. Und während in Baden-Württemberg staatlich geförderte Initiativen dafür Sorge tragen, dass Muslime mehr Sport treiben, existiert im Rest des Landes kaum ein Tausend-Seelen-Ort, in dem noch kein Dialog der Religionen geführt wurde.

In Sachen Eventmanagement & PR ist der Islam folglich ein Multitalent. Eines seiner schönsten Projekte ist dabei schon vor ein paar Jahren entstanden und ebenfalls in Berlin beheimatet. Es nennt sich „i, Slam“ und steht für einen Poetry Slam, der exklusiv auf islamische Bedürfnisse zugeschnitten ist. Schließlich habe es an einer Plattform gefehlt, wo junge Muslime in erster Linie mit „ihrer muslimischen Identität“ auftreten können, wie die Gründer des Projekts betonen. Und weiter:

„Ziel ist es, jungen und talentierten Muslimen eine Chance zum Texten zu ermöglichen. Grundsätzlich wollen sie sich nicht von anderen Gruppen abheben, kritisieren jedoch Poetry-Slams in Bars. „Viele andere Slammer haben sexistische und blasphemische Beiträge. Wir wollen nicht auf diese Weise artikulieren“, erklärte Mitorganisatorin Furat Abdulle.“

Nachdem der haram-Slam allerdings auch sonst zu sündhaft ist, wird bei den i,Slamisten freilich kein Alkohol ausgeschenkt. Im Gegensatz zum Poetry Slam für Normalsterbliche winkt dem glücklichen Sieger folglich kein Freibier, sondern „eine Kaaba-Miniatur und Wasser des heiligen Brunnens Zamzam in Mekka, abgefüllt in PET-Flaschen“.

Wie Manuela Schwesig und die i,Slamisten Demokratie leben

Eine famose Idee also, die dringend Schule machen sollte. So oder so ähnlich scheint es auch Familienministerin Manuela Schwesig ergangen zu sein, als sie zum ersten Mal von den i,Slamisten Wind bekam. Denn nun gibt es nicht nur den „i,Slam“, sondern auch den „i,Slam Kunstwettbewerb für sozial- und gesellschaftskritische Kunst“. Und zwar mit freundlicher Unterstützung des Bundesfamilienministeriums, das an dieser Stelle durch die staatliche Initiative „Demokratie leben“ als Mäzen auftritt. „Demokratie leben“ wiederum ist ein Programm des Familienministeriums, das „die Zivilgesellschaft im Kampf gegen demokratiefeindliche und menschenverachtende Tendenzen in unserem Land stark machen“ will.

Familienministerin Schwesig jedenfalls, die als Schirmherrin des Wettbewerbs wirkt, ist schon jetzt ganz aus dem Häuschen: „Mit Kunst kann auf Missstände und Probleme in unserer Gesellschaft hingewiesen werden. Gleichzeitig kann Kunst dabei helfen, Brücken zu schlagen und Vorurteile abzubauen. Mit Kunst etwas bewegen – das ist das Ziel von i,Slam. Mitmachen lohnt sich, denn der Wettbewerb gibt euch eine Stimme. Als Schirmherrin freue ich mich auf eure Beiträge.“

Über die „gesellschaftskritischen“ Einsendungen ist bislang zwar noch nichts bekannt. Ein Blick auf die vergangenen Gedichte, die es zu „i,Slam“ schafften, rechtfertigt die Schwesig’sche Vorfreude allerdings durchaus. Mal geht es um Diskriminierung, mal um Islamophobie, mal um das Kopftuch, und manchmal sogar um Diskriminierung durch islamophobe Mitmenschen, die das Kopftuch nicht so klasse finden.

Worum es dagegen nicht geht, ist Kritik an Göttern jeglicher Art, vor allem aber dem eigenen. „Wir wollen keine Kraftausdrücke oder Beleidigungen“, so die „fünfte Säule des i,Slam“. „Der Respekt vor den Religionen muss gewahrt werden“, betonen die Gründer. Aus diesem Grund beschäftigt „i,Slam“ auch einen „theologischen Berater“, der dafür Sorge trägt, dass bloß keine Blasphemie auf die Bühne gelangt. Denn im Gegensatz zu konventionellen Poetry Slams werden die Beiträge bei „i,Slam“ schon vorab von den Initiatoren gelesen und auf Spuren von Gotteslästerung überprüft.

Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen

Nun ist es freilich überaus legitim, die eigene Bühne „sauber“ halten zu wollen. Auch gegen das Ansinnen, dort Zeichen gegen Islamophobie zu produzieren, ist nichts einzuwenden. Genauso wenig wie gegen die Absicht, unter sich bleiben zu wollen und die eigene Gruppenzugehörigkeit demonstrativ zu betonen. Bloß sollte man sich eben nicht wundern, wenn das nicht-muslimische Umfeld sich ein wenig schwer tut, eben diese Gruppenzugehörigkeit im täglichen Miteinander auszublenden. Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen – es sei denn, er möchte doch getrennt leben.

Ansonsten existiert in der Bundesrepublik weder ein Gesetz noch eine Religion, die zur Beleidigung von Göttern verpflichten. Gleichzeitig ruiniert Blasphemie in säkularen Gesellschaften eben nicht die eigene Existenz. Freiheit bedeutet, sich freiwillig zur Schonung von Göttern zu verabreden, ohne anderen dasselbe übelzunehmen. Wenn sich aber junge Muslime auf ein striktes Blasphemie-Verbot einigen, während aufgrund von Mohammed-Karikaturen Botschaften brennen und französische Karikaturisten im Namen Gottes sterben müssen, dann wird es mit dem Label „Demokratie leben“ etwas schwierig.

Von derlei Kleinigkeiten abgesehen sind die i,Slamisten allerdings perfekt integriert. „Der i,Slam soll ein sauberer Slam sein“, sagen sie. Es sei denn, es geht um Juden. Dann darf es ruhig auch mal ein wenig schmutzig werden. Oder eben auf „Missstände hingewiesen“ werden, wie Manuela Schwesig so schön sagt. Und einer dieser Missstände befindet sich bekanntlich zwischen Mittelmeer und Jordan. Von „dreckigen Zionisten“ war etwa bei einem Poesie-Abend in Braunschweig die Rede, wo auch der i,Slam-Mitarbeiter Ilhan Hancer den durchaus geistreichen Vergleich prägte: „Was ist der Unterschied zwischen Juden und Muslimen? Die Juden haben es hinter sich.“

Die i,Slamisten beleidigen niemanden – nur bei Juden machen sie eine Ausnahme

Da also mit den Zionisten wirklich keine Brücken zu bauen sind, wurde anlässlich des Gazakriegs im Sommer 2014 gleich ein neues Format begründet: ein sogenannter „street slam“ nämlich, also spontane Poesie auf offener Straße, der unter dem Motto „Dein Wort gegen das Unrecht!" in mehreren deutschen Städten inszeniert wurde. Um das Leid in Gaza ging es, um die zionistischen Schandtaten und weitere Aspekte, die die PR-Abteilung der Hamas sicherlich dankbar zur Kenntnis nähme, wenn sie darum wüsste.

Bei der Gelegenheit ganz vorne dabei: die deutsch-palästinensische Dichterin Faten El-Dabbas, die nicht nur den Islamischen Staat mit Israel gleichsetzt, sondern vielmehr den IS als Produkt des Mossads enttarnt hat. Seit 2012 gehört sie zum Kern von i,Slam. Wenn sie nicht gerade die Berliner Mauer mit der in Israel vergleicht, spricht sie über das vermeintlich vergessene Drama der Nakba, trifft sich mit dem hauptberuflichen Israelkritiker Martin LeJeune oder trägt ihre Gedichte bei SPD und Grünen vor. In den Genuss eines ihrer Meisterwerke kam man etwa im November 2014 im Berliner Willy Brandt Haus. Um ihren Trip nach „Palästina“ drehte es sich, besonders aber darum: „Ich plane Reise für Reise bis ich deine Befreiung erreiche!" Ein eleganter Euphemismus für den Wunsch, die Juden ins Meer zu treiben. Und weiter:

„bitte schenk meiner Hoffnung Raum, schenk meiner Hoffnung Raum,
so viel Raum
dass Grenzen verwischt werden
und sich Mauern in Luft auflösen
Siedlungen in Luft auflösen
Soldaten in Luft auflösen
Panzer in Luft auflösen
F16-Raketen in Luft auflösen!
Bis die Unmenschlichkeit nicht mehr hinter Mauern hallt, sondern in sich zerfällt,
weil dein Henker dein Todesurteil nicht mehr fällt.
Weil es dann einen Richter gibt, der über deinen Henker richtet,
weil es dann Gerechtigkeit gibt, die den Plan deines Henkers vernichtet.
Weil es dann nichts mehr gibt,
was meiner
Rückkehr für immer im Weg steht“

Fürwahr, auf diese Weise werden gleich jede Menge Vorurteile abgebaut. Vor allem aber das Gerücht, wonach Deutschland ein islamophober Staat sei. Natürlich ist es den jungen Poesie-Talenten unbenommen, den Wunsch nach der Zerstörung Israels in Versform zu verpacken. Aber dafür auch noch Steuergeld zu investieren, und zwar im Rahmen einer Initiative, die jeglichen „Ideologien der Ungleichwertigkeit“ entgegentreten will – diese Gabe beansprucht Deutschland ganz für sich allein. Offenkundig gehört eben nicht nur der Islam, sondern auch seine charmante Version der in Deutschland populären Israelkritik dazu.

Darauf ein Glas heiliges Mekka-Wasser!

Viele potentielle i,Slamisten bei der Arbeit (Pro Gaza Demonstration in München, Juli 2014 - © J. N. Pyka)


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Dinge, die Sie der Friedrich-Ebert-Stiftung lieber nicht anvertrauen sollten

Das Leben ist nicht fair. Vor allem nicht gegenüber Mitarbeitern der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Je 19,5-prozentiger die SPD, desto tiefer sinkt auch das Stimmungsbarometer in der Stiftung. Was also tun? Wer sind wir, und wenn ja, wie lange noch? Die Mitarbeiter der FES gerieten ins Grübeln. Eine knackige Idee musste her, schließlich ist ja bald Wahlkampf. Soziale Frage? So 19. Jahrhundert. Mal wieder das Kostüm der klassischen Arbeiterpartei aus dem Speicher holen? Nein, es müffelt zu sehr. Was mit sozialer Gerechtigkeit vielleicht, Schere, Kluft und Graben? Jawohl, grandiose Idee, läuft immer! „Lass uns gleich eine Umfrage in Auftrag geben!“, schlug der eine FES-Mitarbeiter vor. Und der andere bemerkte, es sei vielleicht nicht schlecht, Fragen zu stellen, die schon in jeder Talkshow auftauchen. Man müsse den Bürger schließlich dort abholen, wo er gerade steht. Zwar gibt es dieser Tage keine „einfachen Lösungen“. Aber die einfachen Fragen von infratest, die sind zum Glück noch im Angebot.
 
Schon bald glühten die Drähte. 2000 Menschen wurden eingehend befragt, ob die soziale Ungleichheit zu groß sei und was sich dagegen unternehmen ließe.
 
Nun weiß ich ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn man mich mit derlei Fragen belästigen würde, dann gäbe es nur eine vertretbare Antwort: Alles super und total gerecht. Das wäre zwar komplett gelogen. Tatsächlich empfinde ich es beispielsweise als zutiefst ungerecht, dass Wolfgang Schäuble sich derzeit mit 42 Milliarden Überschuss vergnügt, ohne auf die Idee zu kommen, mir wenigstens einen Bruchteil meines Geldes wieder zurückzugeben. Und den Umstand, dass junge Erwachsene dank Mindestlohngesetz erfolgreich um ihre Praktika und damit um ihre Chancen gegenüber der globalen Konkurrenz gebracht werden, erachte ich auch nicht gerade als Inbegriff von Fairness. Aber wie gesagt, nichts davon würde ich der Telefonistin von infratest anvertrauen. Viel zu groß wäre meine Angst, dass nur der erste Teil meiner Antwort – ja, es gibt Ungerechtigkeit – in Richtung FES gekabelt würde und man sich dort ermutigt fühlen könnte, weitere Gesetze und Maßnahmen zwecks neuer Ungerechtigkeiten zu ersinnen.
 
Darum halte ich mich sicherheitshalber bedeckt. Anders als die 82% der Befragten, die die soziale Ungleichheit zu groß finden, und anders als die 76%, die angesichts dessen eine sehr originelle Lösung – Vermögen stärker besteuern – in den Mund gelegt bekamen.
 
Bei der FES hingegen knallen derweil die Prosecco-Korken. Hurra, die kleinen Männer fühlen sich ungerecht behandelt! Endlich haben wir wieder was zu tun. Das Gehalt ist sicher. Nicht auszudenken, wo wir hinkämen, wenn eine Mehrheit nicht mal mehr Spuren von Ungerechtigkeit verspürte. Denn der Sinn von Politik ist ja nicht zwingend, Probleme zu lösen. Ab und an muss man Probleme auch hegen und pflegen, um nicht selbst überflüssig und folglich arbeitslos zu werden. „Most of the energy of political work is devoted to correcting the effects of mismanagement of government”, hat Milton Friedman mal angemerkt. Aber rund um die FES würde man lieber Mindestlohn beziehen, anstatt ketzerische Schriften wie “Kapitalismus und Freiheit” zu lesen.

Und so erfreut man sich an der hohen Nachfrage nach sozialer Gerechtigkeit und der gefühlten eigenen Relevanz. Denn die befragte Mehrheit findet Deutschland ja nicht nur ungerecht. Sie findet folglich auch, dass Politiker, Stiftungsmitarbeiter, Armutsforscher und Social Justice Beauftragte noch viel mehr zu tun haben sollten. Die Rechnung für derlei Aktivitäten begleicht ja der Vermögende - oder zumindest fühlt es sich so an. Und spätestens dieser Stelle lacht das Sozen-Herz dann wieder. Braves Volk. Gut gemacht und noch besser geantwortet, kleiner Mann. Weiter so!
 
 
Soziale Ungerechtigkeit: https://www.youtube.com/watch?v=2TxYNYpicXM
 
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Die Protokolle des AfD-Weisen vom Bodensee

Wer in Deutschland etwas auf sich hält, benötigt derzeit dringend eine klare Meinung zur AfD. Besser wäre noch eine klare Kante, aber notfalls tut es auch die Sorge vor einem neuen 1933. Mein Problem ist nur folgendes: Mir ist die AfD tatsächlich vergleichsweise egal. Ich finde sie nicht sympathisch, aber auch nicht 1933. Vielmehr halte ich sie für ein klassisches Symptom der bipolaren Störung, der dieses Land hin und wieder frönt. Abgesehen davon sieht sie mir wie ein recht sozialdemokratischer Verein aus, der sicher viel Freude am Umverteilen fremden Geldes fände – nur eben in die andere Richtung. Mehr für die siebenköpfige Familie und den lokalen Bauern, weniger für den Oberstudienrat, der ein Elektroauto kaufen möchte. Ob der Kapitalismus aber nun von links oder eben von rechts angegriffen wird, ist letztlich auch schon egal.

Darum grenzt es an Zufall, dass ich mich jüngst auf der Website des frisch gewählten AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon aus Konstanz verirrte. Früher protestierte er gegen den Vietnamkrieg, anschließend wirkte er als Arzt. Als Rentner verfasste er Bücher über den „grünen Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“, heute sitzt er im Stuttgarter Landtag und jagt flammende Manifeste durch den internen AfD-Verteiler. Denn Gedeon gibt sich gar nicht erst mit Kleinigkeiten wie dem Ruf des Muezzins ab. Ihm geht es um das große Ganze, die Amerikaner, die Russen, den Islam, das Battle um die Weltherrschaft. "An diesen Fragen wird sich das Schicksal Deutschlands und Europas entscheiden", betont er.

Im Vorzimmer einer russischen Botschaft

Dabei hat er vor allem ein Herz für Russland. Dass sein Resolutionsentwurf beim Parteitag in Erfurt (2014), der neben einer Aufhebung der Russland-Sanktionen auch eine Distanzierung von den USA vorsah, nicht in Gänze übernommen wurde, tut dem freilich keinen Abbruch. Besucht man seine Website, fühlt man sich zwar nicht wie im Kreml. Aber für eine Vorstellung davon, wie es im Vorzimmer einer russischen Botschaft zugeht, genügt es durchaus. Denn der badische Experte für Auswärtiges weiß schließlich ganz genau, woran die globale Gemeinschaft so krankt. Syrien, Ukraine, Libyen – überall hat der Ami seine Finger im Spiel, der "eine interventionistische Strategie [kultiviert], die das zivilisatorische Modell der Vereinigten Staaten mit indirekter („Farbrevolutionen“, innenpolitisch inszenierte Putschs à la Maidan) und auch direkter Gewalt (Afghanistan, Irak, Libyen usw.) der restlichen Welt überzustülpen versucht".

Doch damit nicht genug. Auch Deutschland könnte bald eine derartige „Amerikanisierung“ drohen, zählt unsere Heimat doch neben Russland zu einem der größten Konkurrenten der USA: "Um ihre geopolitische Supermachtposition zu behalten, müssen die US-Amerikaner verhindern, dass Europa und Russland zusammenwachsen." Zu diesem Zweck hätten die USA auch die Maidan-Revolution angezettelt: nämlich um so einen Krieg zwischen Europa und Russland zu provozieren, in dessen Rahmen sich "zwei ihrer drei größten Konkurrenten gegenseitig zerfleischen" würden.

Nun ist den Amerikanern bekanntlich vieles zuzutrauen. Wenn sie uns nicht gerade toxische Chlorhühner unterjubeln wollen, überfallen sie in Dauerschleife fremde Länder und produzieren Reibereien am laufenden Band. Laut Gedeon sind das aber nicht deren einzige Kompetenzen. Auch auf die Organisation von Flüchtlingswellen sind sie spezialisiert. "Die USA wollen Europa und vor allem Deutschland über die nicht zu bewältigende Massenzuwanderung destabilisieren und so einen geopolitischen Konkurrenten ausschalten."

„Unser größtes politisches Problem sind die USA und die maßlose US-Hörigkeit der deutschen Politik“

So langsam wird es also eng für die Deutschen. Die Amerikaner an der Gurgel, die Zuwanderer vor der Tür, wobei die einen ja das andere verursacht haben. Da ist es gut, dass wenigstens Wolfgang Gedeon nicht nur den Überblick, sondern auch einen Plan hat. "Wir brauchen jetzt mehr Russland", fordert er, und dafür weniger USA sowie weniger "US-Hörigkeit der deutschen Politik". Denn die sei „unser größtes Problem“.

Allmählich finde ich Gefallen an der alternativen Gedankenwelt vom Bodensee. Zwar habe ich nichts gegen "Atomwaffen in der Eifel bis hin zur amerikanischen Überwucherung unserer Sprache" – zumal sein Faible für karzinogene Metaphern ja auch nicht gerade Literaturquartett-verdächtig ist. Und inwiefern im achten Jahr der Obama-Ära von amerikanischem Interventionismus die Rede sein kann, ist mir auch nicht ganz klar. Aber ich mag es, wenn der jammernde Deutsche die Bühne betritt, um dort über sein Dasein als Opfer der Geschichte und fremder Mächte zu referieren.

Dennoch beschließe ich, es dabei zu belassen. Jeder hat so seine roten Linien. Fast hätte ich die badische Kreml-Filiale auch wirklich verlassen, wäre ich da nicht noch über Gedeons Ansichten zu TTIP (er präferiert übrigens eine "Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok") gestolpert:

"Amerikanische Krankenhausgesellschaften, Fracking-Firmen, Monsanto (Genmais) usw. stehen in den Startlöchern und wollen Europa und seine Zivilisation noch mehr amerikanisieren. Nicht zuletzt sollen die europäischen Regierungen und ihre Steuerzahler über private Schiedsgerichtsbarkeit dem Würgegriff New Yorker Anwaltskanzleien ausgeliefert werden.“

Nun hört man Ähnliches auch öfter von Sahra Wagenknecht. Nur frage ich mich, wieso es ausgerechnet der „Würgegriff“ sein muss, den doch sonst nur die Juden im Programm haben. Auch die Ostküste macht mich stutzig. Können Kanzleien aus Idaho und Alaska etwa nicht klagen?

„Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“

Ich werfe nochmal einen Blick auf Gedeons gesammelte Werke. Dort stoße ich auf eine 1.800-seitige Trilogie aus dem Jahr 2009, die den Titel "CHRISTLICH-EUROPÄISCHE LEITKULTUR - Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam" trägt. Ein sagenhaftes Motto, wenn gleich mir nicht ganz einleuchtet, inwiefern die jüdischen Bestrebungen, einen eigenen Staat zu gründen, Wolfgang Gedeon, dessen Nachkommen und alle weiteren Deutschen bedrohen. Auch der Säkularismus ist ja eher nicht dafür bekannt, seine Anhänger in den Tod zu schicken und Bürgerkriege anzuzetteln.

Interessiert lese ich weiter und erfahre, worum es Wolfgang Gedeon eigentlich geht. Was ihn besonders mitnimmt, ist der vermeintliche Niedergang des Christentums. Durch das II. Vatikanische Konzil nämlich hätte die katholische Kirche "einen Rückfall in den Judaismus eingeleitet und damit dem Vordringen von Säkularismus, Zionismus und Islam geistig die Tore geöffnet". Und das geht natürlich gar nicht. Denn gerade der Zionismus, so steht es zumindest im zweiten Band über „Geschichte und Verschwörungspolitik“, sorge ständig für Ärger:

„Der Zionismus, ursprünglich eine nationalistisch-politische Bewegung des Judentums, dominiert inzwischen weitgehend das Denken des Westens. Er sorgt dafür, daß die ruhmreiche Geschichte des christlichen Abendlandes in eine Kriminalgeschichte des „Antisemitismus“ uminterpretiert wird; daß europäische Rechtsprechung, den Holocaust betreffend, immer mehr zur unsere Rechtskultur deformierenden Gesinnungsjustiz gerät; daß schließlich Auschwitz zum neuen Golgatha gemacht wird und ein allgegenwärtiges Holocaust-Gedenken das Christentum als Leitreligion des Westens verdrängt.“

Aber es kommt noch schlimmer. Im dritten Band nämlich begegnet mir wieder der gute alte Amerikaner, nun auch „US-Globalismus“ genannt, dessen Rolle (Erlangung der Weltherrschaft) ich schon aus Gedeons anderen Abhandlungen kenne. Zu diesem Zweck allerdings, so der AfD-Abgeordnete, paktieren die USA auch noch ausgerechnet mit dem Zionismus. Spätestens an dieser Stelle fällt auf, wie dumm es für die Deutschen offenbar wirklich gelaufen ist: Erst werden sie beim Betreiben von Gaskammern erwischt, und dann müssen sie sich über 70 Jahre später auch noch von den dämlichen Amis eine Gaskammer-Religion verordnen lassen.

Die Weisen von Zion und Gedeons Quellenverzeichnis

Ein weiteres Problem Gedeons ist der Gedanke daran, dass "unsere politische Klasse mit dem US-globalistischen Machtblock fest zusammengewachsen ist" und parallel "zionistische Politik betreibt". Das erkenne man vor allem an der Unterstützung, die die deutsche Regierung dem bevorstehenden „Angriffskrieg“ Israels gegen den Iran entgegen bringe. „Dass Israel Atomwaffen hat, die anderen aber nicht, und Israel damit seine Nachbarn nach Belieben unter Druck setzen und erpressen kann“, raubt dem Abgeordneten offenkundig den Schlaf. Mehr noch als die „Freiluftgefängnisse“ in den palästinensischen Gebieten, die „Exekutionen“ in Gaza und  der „Dschihad“ Israels gegen die Araber zusammen. Darum gibt es für den AfD-Mann aus Konstanz auch nur eine Konsequenz: ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren gegen Angela Merkel wegen „Unterstützung eines Angriffskriegs“. Aber presto!

Daneben macht sich der Zionismus auch noch anderweitig bemerkbar.  Zum Beispiel im Rahmen der „Kampagne“ gegen Missbrauch in katholischen Schule etwa, mittels derer "schließlich das gesamte Christentum niedergemacht und ausgeschaltet" werden soll. Dass dahinter niemand Geringerer als der Zionismus stecken kann, belegt Gedeon dann auch gleich anhand einer äußerst validen Quelle:

„Das ist die freimaurerisch-zionistische Strategie, wie wir schon in den so sehr angefeindeten Protokollen der Weisen von Zion nachlesen können: „Mit der Presse in der Hand können wir verkehren Recht in Unrecht, Schmach in Ehre. Wir können erschüttern die Throne und trennen die Familien. Wir können untergraben den Glauben an alles, was unsere Feinde bislang hochgehalten …..“"

Ja, so sind sie eben, die Zionisten. Immer für eine Verschwörung gut, gerne auch mal in Kooperation mit anderen dunklen Mächten. Da ist es beruhigend, dass es noch tapfere Landtagsabgeordnete wie Wolfgang Gedeon gibt, die sich dem entgegenstellen. Zum Beispiel auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart, wo der AfD-Mann wieder alles geben wird, um eine Transformation Europas hin zu "einem zionisierten Euramerika oder einem islamisierten Eurasien" zu verhindern. Die „Protokolle“ hat er in seiner Programm-Alternative, die er beim Vorstand eingereicht hat, zwar leider nicht zitiert. Aber vielleicht wird er im Stuttgarter Landtag einmal Gelegenheit dazu haben.



Endstation Barbecue: Gottlose Amerikaner beim Anzetteln neuer Kriege (© J. N. Pyka)


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.

Siehe auch: Das Wunder von Stuttgart: Wolfgang Gedeon und der Antisemitismus der Anderen (12.06.2016)
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