Siedlerphobie in Jena

Spätestens seit voriger Woche weiß man hierzulande (wieder), wie heikel Geschäfte mit Juden zuweilen doch sein können. Da verkauft man ihnen ein paar U-Boote, und siehe da, schon hat dieses Völkchen darauf ein paar nukleare Sprengköpfe installiert. Seitdem tönt es aus der bundesdeutschen Pazifisten-Riege, die offenbar noch nie von Dingen wie „Zweitschlagskapazität“ gehört hat: „Nie wieder“ U-Boot-Deals mit Israel!

Das gilt natürlich auch umgekehrt. Wer den Nahen Osten befrieden will, sollte dem Judenstaat nicht nur nichts verkaufen, sondern auch selbst nichts erwerben, was von israelischer Hand produziert wurde. Zumindest, wenn es nach „Pax Christi“ – einer mit friedensbewegten Katholiken besetzten Organisation – geht, die nun mit der Aktion „Besatzung schmeckt bitter“ zur Lösung des Nahostkonflikts beitragen will. Und das soll so funktionieren:
„Die pax christi-Nahostkommission startet heute eine bundesweite Aktion für die Kennzeichnung von Waren aus den völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet. Mit farbig bedruckten Papiertüten macht sie Verbraucher/innen darauf aufmerksam, dass Obst und Gemüse mit der Ursprungsangabe ,Israel‘ vielfach aus völkerrechtswidrigen Siedlungen stammen, und fordert sie dazu auf, sich für eine eindeutige Kennzeichnungspflicht einzusetzen.“


Darüber hinaus möge der israelkritische Supermarkt-Besucher doch bitte „bis zur Umsetzung der Kennzeichnungspflicht auf Produkte mit der unklaren Ursprungsangabe ,Israel‘ verzichten, weil es sich dabei um Siedlungsprodukte handeln könnte“.

Na prima, was für eine großartige und von Nächstenliebe beseelte Idee! Dachte wohl auch der Jenaer Oberbürger Dr. Albrecht Schröter (SPD), der das katholische Unterfangen eifrig unterstützt und damit seinen kommunalpolitischen Alltag mit einem Touch „International Relations“ aufpeppt. Dass hingegen keineswegs die „Besatzung“, sondern einzig die Aktion „bitter“ ist, scheint ihm dabei nicht wirklich aufgefallen zu sein.

So mag man über Siedlungen streiten, dem Frieden stehen sie jedoch keineswegs im Weg – was man recht gut nach der Räumung des Gaza-Streifens beobachten konnte, für den sich die Hamas mit Qassam-Raketen auf Israel bedankte. Zumal der Boykott von Siedlungs-Produkten vielmehr denjenigen schadet, denen doch eigentlich die Gunst der pazifistisch motivierten Aktionisten gilt: nämlich den Palästinensern, also auch solchen, deren Einkommen durch Arbeitgeber in Gestalt jüdischer Siedler garantiert wird.

Aber das bewegt den Oberbürgermeister wohl eher weniger, zumal er das gesamte Unterfangen ja auch nicht für einen „pauschalen Boykott israelischer Waren“ hält. Was natürlich ziemlicher Mumpitz ist. Denn wer dafür plädiert, bei „unklarer Ursprungsangabe ‚Israel‘“ nicht zuzugreifen, der unterscheidet sich nur marginal von den großen und kleinen „Israelkritikern“, die sich der klar antiisraelischen BDS-Bewegung verschreiben und einen pauschalen Boykott israelischer Produkte fordern. Ob die friedensbewegte Hausfrau die israelische Avocado dann aus Prinzip oder aus Unsicherheit (schließlich könnte ja der böse Siedler dahinterstecken!) nicht kauft, bleibt im Ergebnis gleich. Und wie genau managt eigentlich Schröter selbst seinen Einkauf? Verfügt er über eine Standleitung ins Büro der israelischen Landwirtschaftsministerin, die er immer dann anfunkt, wenn er gerade kritisch bis ratlos in der Obstabteilung bei Tengelmann steht?

Andererseits ist es natürlich schön zu sehen, dass der Oberbürgermeister sonst – abgesehen von den Neo-Nazis vor seiner Haustür – anscheinend keine Sorgen hat. Noch schöner wäre es allerdings, wenn er sich auch mal mit einem Boykott syrischer, sudanesischer, russischer oder iranischer Waren beschäftigen würde. Aber vielleicht sind ihm die dortigen Menschenrechtsverletzungen im Vergleich zur israelischen Siedlungspolitik nicht bitter genug? Nun, ist eben alles Geschmackssache.



Zuerst im Rahmen der Kolumne "Neues aus Meschuggestan" auf "The European" erschienen.