Die Phantom-Diskussion

Zuweilen liegen Politik und Comedy ja eng beieinander. Humoristisches Potenzial, wohin das Auge blickt, egal ob es um Ilse Aigners Lebensmittelrationierungspläne oder Claudia Roths Ode an die Türkei geht. Und auch Dirk Niebels große Trauer angesichts der Tatsache, dass ihm ausgerechnet der Besuch eines Klärwerks in Gaza verwehrt blieb, entbehrt nicht eines gewissen Unterhaltungspotenzials. Eine mittelmäßige Komödie, möchte man zunächst meinen – allerdings mit Entscheidungsträgern in den Hauptrollen.

Ähnlich groß ist auch der Entertainment-Faktor, der der periodisch wiederkehrenden und von Garmisch-Patenkirchen bis zur Kieler Förde geführten Islam-Debatte innewohnt. Christian Wulff meinte, der Islam gehöre zu Deutschland, Innenminister Hans-Peter Friedrich und Unionsfraktionschef Volker Kauder behaupten das Gegenteil, und nun wärmt Bundespräsident Gauck alles noch mal auf. Ihm zufolge gehöre nicht unbedingt der Islam, sehr wohl aber die Muslime zu Deutschland, während indes der CSU-Politiker Markus Söder den Islam schon mal als „Bestandteil Bayerns“ deklariert.


Ja nun, der Islam gehört also zu Deutschland. Eigentlich ein wenig atemberaubender, da überflüssiger Satz. Radfahrer, Ovo-Lacto-Vegetarier, FC-Bayern-Fans und FKK-Jünger gehören aber auch dazu. Ebenso übrigens wie Buddhisten, Hindus und Zeugen Jehovas, die dank Religionsfreiheit anbeten dürfen, wen sie wollen. In dieser Hinsicht ist Wulffs Ausspruch nun wirklich kein Novum, da es selbstverständlich ist, dass Menschen, die den Islam als ihre Religion praktizieren, dazugehören. Nachdem aber die dazugehörige Debatte nun schon seit rund eineinhalb Jahren am Kochen gehalten wird, die Beteiligten aber immer noch nicht darüber eingeschlafen sind, kann es folglich nicht nur um den Islam als Religion gehen.

Bloß: Worum sonst? Was ist denn der Islam, oder gibt es mehrere Islams? Häufig hört man ja, Islam sei Frieden. Wunderbar, Frieden gehört wirklich zu Deutschland, vielleicht sogar mehr noch als Atomkraftgegner oder professionelle Mülltrennung. Oder geht es eher um nicht-zugehörige Traditionen, wie Volker Kauder meint? Vielleicht dreht es sich aber auch um kulturelle Angelegenheiten? Das Feuilleton konstruiert ja schließlich gerne brüchige Verbindungen zwischen Goethe, Andalusien, Weihrauch, Europa, Islam und Deutschland. Aber andererseits entwickelten schon Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche ein Faible für den Buddhismus, der dann konsequenterweise ebenso dazugehören müsste.

Darüber hinaus könnten natürlich auch Dinge wie Ehrenmord, Geschlechterapartheid oder Antisemitismus in muslimischen Migranten-Communities gemeint sein, die zuweilen mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Was natürlich nicht zu Deutschland gehören soll, ebenso wenig wie Salafisten und Islamisten, die sich mit Vorliebe auf Allah berufen, wenn sie gerade auf Polizisten losgehen oder Bomben basteln. Und wie war das noch mal mit dem politischen Islam, Parallel-Justiz, No-Go-Areas und verletzten religiösen Gefühlen aufgrund von Mohammed-Bildchen?

Tja, man weiß es nicht, und die Debatten-Teilnehmer ganz offenbar auch nicht. Was sie natürlich nicht davon abhält, eifrig an dieser Phantom-Diskussion zu partizipieren. Jeder will mitmischen, der eine perpetuiert die immer gleichen Phrasen, der andere ist empört und die Islamverbände sind chronisch beleidigt. Insofern möge man sich doch bitte darauf einigen, was der Islam nun eigentlich ist, bevor seine Zugehörigkeit zu Deutschland diskutiert wird. Bis dahin dient die Islam-Posse eher zu Unterhaltungszwecken, quasi als Witz made in Germany.


Zuerst im Rahmen der Kolumne "Neues aus Meschuggestan" auf "The European" erschienen.