Donnerstag, 18. Februar 2010

Kronprinz Westerwellchen und die 7 (Millionen) Sozialschmarotzer – ein Märchen.

Es war einmal ein Staat, der nannte sich sozial. Regiert wurde er von Königin Angela, die viel zu sagen hatte, sich jedoch zumeist in güldenes Schweigen hüllte, und Kronprinz Guido, der immer was sagte, auch wenn es den Untertanen und Gegnern nicht genehm war. Die Gegner, das waren die roten Ritter der Robin-Hood-Partei (denn sie nahmen von den Reichen und gaben es den Armen) und die grünen Spinatwachteln, die zwar gerne das Klima retten würden, in Zeiten der Krise jedoch lieber als Lakaien der roten Ritter zu Felde zogen.

Nun trug es sich zu, dass das Reich in der Tat bis zum Hals in Problemen steckte. Die globale Wirtschaftskrise schwappte in Windeseile auch auf unser soziales Land über und bereitete den Regenten allerhand Kopfzerbrechen. Schon längst herrschte in den Schatzkammern des Reiches gähnende Leere, da halfen auch die steigenden Steuern auf Friedenspfeifen oder Kutschen-Treibstoff nicht viel.

Doch das Königreich benötigte dringend Goldtaler - denn wie sollte man sonst die Dienst-Kutsche der roten Prinzessin Schmidt oder die mondäne Reise erster Klasse in das königliche Parlament bezahlen? Doch dummerweise bestand das Land überwiegend aus armen Untertanen, oder solchen, die es weitaus bequemer fanden, arm zu sein. Denn wie wir wissen, handelte es sich bei unserem Königreich ja um ein sehr soziales Land – so sozial, dass es die Armen möglichst großzügig entlastete, die Reichen dafür umso mehr belastete. Von irgendwo her mussten die Goldtaler ja kommen.

Dieser Missstand führte dazu, dass die Zahl derer, die auf Kosten des Königreichs lebten, rapide in die Höhe stieg. Einige schämten sich dafür, da sie doch jahrelang gearbeitet hatten – z.B. bei einem namhaften Kutschenhersteller oder dem königlichen Versandhaus „Zur goldenen Quelle“– und nach deren Bankrott plötzlich gezwungen waren, das fürstliche Sozialamt zu beehren. Doch so manch anderer fand das Leben in der Region „Armutsgrenze“ recht angenehm. Denn schließlich meinte es Papa Staat gut mit den Bedürftigen und schenkte ihnen darum Monat für Monat (bzw. Jahr für Jahr) jede Menge Geld, eine semi-luxuriöse Bleibe, ein Fernsehgerät, durchschnittlich 18 Besuche pro Jahr beim Leibarzt, Nachhilfeunterricht für die zahlreichen Sprösslinge und vieles mehr. Bald erhielt der Faulpelz genauso viele Goldtaler wie das fleißige Schneiderlein. Warum noch schuften, fragten sich viele, und lebten weiterhin wie im Paradies.

Doch Kronprinz Guido fand das alles ganz und gar unparadiesisch. Wohl bekannt als „Schreihals der Nation“ und geprägt durch die harte Schule der Oppositionsbank, machte er seinem Ärger lautstark Luft und untermalte seine Worte durch bühnenreifes, rumpelstilzchenhaftes Stampfen auf den Boden. „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet.“ – in Windeseile verbreitete sich die unfrohe Kunde quer durch’s ganze Königreich. Ob man sowas nicht sagen dürfe? Nein, offenbar nicht. Lautstark ruft das Volk nach dem Staat und nach sozialer Gleichheit – finanziert von jenen Untertanen, welche fleißig Steuern zahlen. Schnell stand der arme Guido ganz alleine da – die Spinatwachteln überschütteten ihn mit Hohn und Spott, während die roten Ritter unter Führung von Fürst Gabriel auch vor Todesdrohungen nicht zurück schreckten. Selbst Königin Angi hielt sich dezent zurück, während ihr Kammerdiener Horst das Vorgefallene süffisant als „Westerwelle“ abtat.

Doch der tapfere Guido, Advokat des unverstandenen Mittelstands, ließ sich weder von gefährlichen Drachen, noch von bösen Hexen in die Flucht schlagen. Stattdessen polterte er fleißig weiter, plädierte für die „Entlastung der Arbeitenden“ und wies jegliche Ausflüge in den „braunen Sumpf“ rapide von sich: „Man muss schon wirklich linksextrem in der Birne sein, wenn Leistungsgerechtigkeit als rechtsradikal gilt!“

In der Tat, der Kronprinz kämpfte gegen Windmühlen an – denn derjenige, der das soziale Königreich öffentlich kritisiert, beißt quasi wissentlich in den vergifteten Apfel. „Sozial“ bedeutet wohl, den Armen und Untätigen zu helfen – das Gegenteil, nämlich den Nicht-Armen und Arbeitstätigen unter die Arme zu greifen ist gleich „asozial". So einfach ist das heutzutage. Die Tatsache, dass der vermögende Teil der Untertanen evtl. auch Arbeitsplätze für die Unterbemittelten schafft und darum Unterstützung verdient, wird gekonnt ignoriert – was vielleicht daran liegt, dass letzt genannte ja gar nicht arbeiten wollen. Denn wenn wir mal ehrlich sind, ist es ja auch ganz komfortabel, sich vom Königreich sponsern zu lassen, nebenbei ein paar zusätzliche schwarze Goldtaler durch das Putzen fremder Schlösser zu verdienen und hauptberuflich jede Menge Kinder in die Welt zu setzen, die aller Wahrscheinlichkeit für den Staat mehr Kosten als Nutzen bringen werden. Wenn sie nicht gerade auf dem Sozialamt besondere Zuwendungen für „Härtefälle“ beantragen (dieser Tage will wohl jeder ein Härtefall sein, sei es auch nur, um sich kostenlosen Nachhilfeunterricht für die lieben Kleinen zu sichern), macht es ihnen in der Regel große Freude, die reichen Schurken und Ganoven in den härtesten Tönen zu verurteilen. Nein, natürlich ist das kein Sozialneid. Viel mehr scheint es in unserem Königreich ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass all die „vermögenden“ Untertanen natürlich intensive Steuerhinterziehung betreiben und ihre Goldtaler generell aus illegalen Machenschaften beziehen. Irgendein Manko muss man ja immer finden. Dass die „reichen Schnösel“ allerdings indirekt für die GEZ-Gebühren und das Täglich-Brot der Armen aufkommen, wird galant unter den Teppich gekehrt. Das nennt man dann übrigens „soziale Gerechtigkeit“.

Doch zurück zu Kronprinz Guido – natürlich stampfte, plärrte, diskutierte und debattierte er eifrigst weiter – und zwar nicht, um sich die Stimmen der Wähler zu sichern, sondern um seine Ideale durchzusetzen und das Königreich vor spätrömischer Dekadenz zu bewahren. Und wenn er nicht gestorben ist, dann kämpft er hoffentlich auch heute noch für eine gerechte Reformierung des Sozialstaats!

Kommentare:

Peter hat gesagt…

Hi Jenny,

dieses aktuell/zeitgenössische Märchen trifft wieder einmal gekonnt, witzig, prägnant und durchaus kritisch den Nagel auf den Kopf. Sende dies doch einmal an die FDP-Parteizentrale, damit Guido etwas zum Schmunzeln in seiner momentan wahrlich nicht einfachen Zeit hat. Wir geniessen jede Deiner Veröffentlichungen, nochmals unsere Bewunderung an ein großes Talent, Du wirst es sicher weit bringen, davon sind wir überzeugt.
Herzlichst Peter v.Langenhagen

Netzhaeuter hat gesagt…

"Ahnungslosigkeit trifft Größenwahn."

Der Titel ist offenbar Programm. Selten eine so platte und humorlose Ideologieverteidigung gelesen.

Aber immer wieder interessant zu sehen, wie Menschen ticken müssen, um den Gelb-Schwarzen Brei nicht nur zu essen, sondern noch zu ihrer Lieblingsspeise zu erklären.

jennifer nathalie hat gesagt…

In der Tat, es wäre ja auch um einiges bequemer und harmonischer, wenn wir in der BRD einfach nur EINE Meinung hätten (statt viele verschiedene)- wer braucht schon Demokratie und eng damit verbunden auch Meinungsfreiheit?

Ein Glück aber auch dass ich meinen gelb-schwarzen Brei genießen darf, ohne dafür mit rechtliche Konsequenzen rechnen zu müssen!

Anonym hat gesagt…

Es gibt da eine Theorie bei uns Politikwissenschaftlern:
Je niedriger die soziale Sicherung, umso höher der Anreiz, für jeden Hungerlohn zu arbeiten. Steuern bringt beides nicht - weder der Arbeitslose, noch der Arbeiter.

Wir sollten also eher mal über Steuerfreiheit für Unternehmen diskutieren und damit die Abschaffung des Sozialstaats in seiner jetzigen Form - basierend auf Einkommenssteuern... Faulheit ist nur dann schlimm, wenn sie keine Steuern bringt. Jede Sanktionsmaßnahme trifft letztlich auch die Arbeitnehmer. Jeder der arbeitet und arbeiten will wird in Zukunft vor noch krasseren "Einsparungsnotwendigkeiten" und "Lohnstandortedebatten" stehen, basierend auf dem HartzIV-Horror. Die Abwärtsspirale dreht sich weiter. Nicht wiel die Leute nicht arbeiten. Sondern weil der Staat mit seiner Finanzierung entweder vor Lohnsenkungen (und damit weniger Beiträgen) oder vor Produktionsverlagerung (gar keinen Beiträgen) kapitulieren muss.
Ich hoffe, das war jetzt nicht zu schwierig.

Anonym hat gesagt…

ich hab was vergessen. Das Video von der ETH Zürich hab ich leider nicht mehr gefunden, aber Frankfurt a.M. ist ja auch keine schlechte Adresse für ein Studium :)
Problem bei echten Lösungsansätzen ist heute, dass dem ideologischen Fein, also jeweils "Sozis" oder "Liberale" lieber maximaler Schaden zugefügt wird, als den eigenen Maximalgewinne einzustreichen.


http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2006/3092/html/video.html

Alkibiadis hat gesagt…

"Anonym hat gesagt…

Es gibt da eine Theorie bei uns Politikwissenschaftlern:
Je niedriger die soziale Sicherung, umso höher der Anreiz, für jeden Hungerlohn zu arbeiten. Steuern bringt beides nicht - weder der Arbeitslose, noch der Arbeiter."

Stimmt, ich als Leistungsträger würde einem Langzeitarbeitslosen keinen Job unter einem Managerposten zumuten wollen. Lieber buttere ich mein Salär in den ineffektiven Sozialstaat. Jemand muß Anonym schließlich seine Flatrate bezahlen damit er uns weiterhin mit seinen simplen Zeilen beglücken kann.